Petersburg
Ein Gläschen Wodka!
Orchestrion.
Nikolai Apollonowitsch sah sich erstaunt um: wie konnte er in eine solche
unmögliche Gesellschaft, in einen solchen unmöglichen Ort geraten, er, der doch
. . .?
»Ha—ha—ha—ha—ha—ha!« dröhnte es in der Ecke, wo die betrunkene
Gesellschaft saß. Verzweifelt, qualvoll, wie das Explodieren unterirdischer
Ungeheuerlichkeiten in einem Vulkan, wuchs und breitete sich und weinte in den
goldenen Trichtern, bald aufbrausend, bald mit Kastagnetten schlagend, das alte,
alte Lied:
»Schwei—ei—get, ihr lodernden Ge—füüh—le,
Schlaaaf ein, du hooofnungsloo—oses Heee—erz . . .«
Ein Gläschen Wodka!
Gestehen Sie . . . He: zwei Gläschen Wodka! — Gestehen Sie . . .,« rief Pawel
Jakowlewitsch Morkowin, »ich wette, daß ich für Sie ein Rätsel bin, über das Sie
jetzt vergeblich Ihren Gehirnapparat anstrengen . . .«
Dort, dort ein kleiner Tisch: vor diesem Tischchen sitzt über sein Glas gebeugt
ein etwa fünfundvierzigjähriger Seemann mit schwarzem Lederanzug, bläulich
schimmerndem Gesicht.
Und neben dem Seemann kauerte schwer, wie aus Stein gehauen, der Riese.
Der Riese — mit schwarzen Brauen und schwarzen Haaren — lachte
zweideutig und schielte gegen Nikolai Apollonowitsch.
»Also, mein junger Freund?«
»Was meinen Sie?«
»Was sagen Sie zu meinem Benehmen auf der Straße?«
»Was ich zu Ihrem Benehmen auf der Straße sage? Ach was? . . . Ich weiß
wirklich nicht . . .«
»Trinken wir noch eins?«
»Ja, wir trinken noch eins . . .«
Vor ihm glänzte das prickelnde Gift; um sich in ruhigere Verfassung zu
versetzen, legte er sich auf den Teller etwas von dem welken Gemüse, das ihnen
angeboten wurde; nun stand er so mit dem voll gefüllten Glas, während Pawel
Jakowlewitsch geschäftig bemüht war, mit der Gabel einen glitschrigen Pilz zu
erwischen; nachdem er endlich diesen glitschrigen Pilz erwischt hatte, wandte er sich wieder Nikolai Apollonowitsch zu (auf seinem Schnurrbart blieben Fädchen
vom Gemüse hängen). . .
»Nicht wahr, das hat seltsam ausgesehen?«
So stand er einmal (denn das alles — war schon früher einmal gewesen) . . .
Die Gläser stießen laut aneinander; genau so hatten die Gläser aneinander
gestoßen . . . Wo? Wann?
Nikolai Apollonowitsch suchte sich zu erinnern. Doch er konnte sich nicht
erinnern.
»Dort, neben dem Zaun . . . Nein, Herr Wirt, keine Sardinen: die schwimmen
ja in einem gelben Schleim.«
»Wissen Sie, Pawel Jakowlewitsch, ich erwarte von Ihnen eine Aufklärung
. . .«
»Meines Verhaltens?«
»Jawohl, Ihres Verhaltens . . .«
»Ich werde es erklären . . .«
Wieder glänzte das prickelnde Gift: Nikolai Apollonowitsch fühlte, wie er
berauscht wurde — alles begann sich um ihn zu drehen; gespensterhafter
schimmerte vor ihm die Schankstube, noch blauer schien der Seemann,
riesenhafter der Riese; sein Schatten verteilte sich an den Wänden und schien
wie mit einer Krone geschmückt.
»Trinken wir also noch ein drittes Gläschen?«
»Jawohl, trinken wir ein drittes . . .«
»Also, was haben Sie zu dem Gespräch am Zaun hinzuzusetzen?«
»Über den Domino?«
»Na ja, natürlich . . .«
Voll Ekel wollte Nikolai Apollonowitsch den wenig appetitlichen Lippen des
Herrn Morkowin ausweichen, doch er überwand sich. Und nachdem er das
Schmatzen zweier Lippen auf seinen Lippen gefühlt hatte, hob er seine Augen
zur Decke, mit der Hand eine Locke von der hohen Stirn wegstreichend, und
seine Lippen verzogen sich in ein unnatürliches Lächeln und zuckten und
zitterten angestrengt (so zucken unnatürlich die Beinchen der gemarterten
Frösche, wenn an sie die Enden der elektrischen Drähte angesetzt werden).
»Gestehen Sie — es ist ein ganz absurder Gedanke: Sie wären der Domino . . .
Hi—hi—hi: wie konnte man auf einen solchen Gedanken nur kommen — he?
Sagen Sie bloß? Ich sagte mir: He, Pawel, das ist nur so ein kurioser Einfall; und
dazu noch neben dem Zaun, beim Verrichten eines sozusagen menschlichen
Bedürfnisses . . . Domino! . . . Es war einfach nur ein Anlaß für die
Bekanntschaft, mein Lieber.«
Sie verließen den Schanktisch und drängten sich zwischen den Tischen durch.
Und wieder brüllte das Orchestrion wie zehn kreischende Blashörner, die ihre
ohrenzerreißenden Töne in den Qualm hinausstoßen; an den Ohren sich
brechend, erhob sich das Gebimmel eines ganzen Schwarms von Glöckchen.
»Kellner! Eine saubere Tischdecke! . . .«
»Und Wodka . . .«
»Nun sind wir mit dem Domino fertig. Und jetzt, mein Lieber, gehen wir zum
anderen, uns miteinander verbindenden Pünktchen über . . .«
Beide stützten die Ellbogen auf das Tischchen. Nikolai Apollonowitsch fühlte
seinen Rausch (vor Müdigkeit wahrscheinlich).
»Ja — ja — ja: es ist ein seltsamer, kurioser Punkt . . . Schön: geben Sie mir
Nierenbraten mit Madeira; und Ihnen . . . auch Nierenbraten?«
»Was ist das nur für ein Punkt?«
»Kellner, zwei Portionen Nierenbraten . . . Nun also — ich muß Ihnen sagen:
die Bande, die uns aneinander knüpfen — diese Bande — es sind heilige Bande
. . .«
»?«
»Es sind Bande des Blutes . . .«
In diesem Augenblick wurde der Nierenbraten gebracht.
»Ach, denken Sie ja nicht, daß jene Bande . . . — bitte Salz, Pfeffer, Senf! —
etwa mit Blutvergießen in Zusammenhang stehen . . . Aber warum zittern Sie,
mein Lieber? Sieh mal einer her: wie er rot wurde, wie er aufflammte: rein wie
ein junges Mädel! Wünschen Sie Senf? Da ist Pfeffer.«
»Was sagten Sie?«
»Ich sagte: da ist der Pfeffer . . .«
»Vom Blute . . .«
»Ah? Von den Banden? Unter den Banden des Blutes verstehe ich die Bande
der Verwandtschaft.«
»Verzeihen Sie, ich glaube Sie nicht recht verstanden zu haben: Was verstehen
Sie unter Verwandtschaft?«
»Ich bin ja, Nikolai Apollonowitsch, ein Bruder von Ihnen.«
»Wie, ein Bruder?«
»Ein morganatischer natürlich, denn ich bin das Resultat einer unglücklichen
Liebe zwischen Ihrem Vater und — einer im Hause lebenden Weißnäherin . . .«
Wahnsinn!
Das hatte er früher einmal schon erlebt.
»Und nun wollen wir zu Ehren unserer Begegnung als Verwandte noch ein
Gläschen trinken.«
Verzweifelt, qualvoll dröhnte es in dem wildgewordenen Orchestrion, heulend
und wie die Tanztrommel schlagend, festigten und breiteten sich die Töne und
ergossen sich jammernd aus den vergoldeten Trichtern in den Saal.
»Sie wollten sagen, daß mein Vater . . .«
»A—a—a: die Schulter! Wie die Schulter zuckt!« unterbrach ihn Pawel
Jakowlewitsch. »Wissen Sie, warum sie gezuckt hat?«
»Warum?«
»Weil die Verwandtschaft mit einem solchen Subjekt, Sie, Nikolai
Apollonowitsch, gewissermaßen verletzt . . . Dann haben Sie aber auch wieder
etwas Mut gewonnen.«
»Mut gewonnen? Weswegen sollte ich den Mut verloren haben?«
»Ha—ha—ha« — Pawel Jakowlewitsch hörte ihm nicht zu — »Sie haben
Mut gewonnen, weil Ihrer Meinung nach . . . — Noch ein Stück vom Braten?«
»Danke . . .«
. . . »Meine ausfallende Neugierde und unser Gespräch neben dem Zaun sich
in einfacher Weise erklärten.«
Nikolai Apollonowitsch kniff die Augen zusammen, während seine Finger auf
dem Tisch trommelten.
»Jetzt aber bin ich genötigt, Sie freudig und traurig zugleich zu stimmen . . .
Sie entschuldigen mich: bei einer neuen Bekanntschaft mach’ ich es immer so;
es bleibt mir nur noch übrig, Ihnen zu sagen, daß wir wohl Brüder sind, aber von
verschiedenen Eltern . . .«
»Inwiefern sind wir dann Brüder?«
»Den Überzeugungen nach . . .«
»Was wissen Sie von meinen Überzeugungen?«
»Sie sind ein fest überzeugter Terrorist, Nikolai Apollonowitsch.«
»Ha—ha—ha!« Nikolai Apollonowitsch warf sich auf seinen schäbigen Stuhl
zurück. »Ha—ha—ha—ha . . .«
»Hi—hi—hi!« echote Morkowin.
»Ich werde Ihnen was sagen« — Nikolai Apollonowitsch wurde ganz ernst
und tat, als hätte er mit Mühe den Lachanfall überwunden (er hatte nur künstlich
gelacht), »Sie irren sich, denn ich verhalte mich dem Terror gegenüber ganz
negativ; doch abgesehen von all dem: woher nehmen Sie es an?«
»Aber gestatten Sie, Nikolai Apollonowitsch! Ich bin ja über alles, was Sie
betrifft, unterrichtet: über das Paket, über Alexander Iwanowitsch Dudkin, über
Sofja Petrowna . . .«