Petersburg
Stjopka
mit der holländischen Mütze, vielleicht die helle Laterne des wachthabenden
Matrosen.
Einem Rußwölkchen gleich, löste sich der Halbschatten vom kupfernen
Reiter, und schwärzer zeichneten sich auf den Steinen des Pflasters der
buschhaarige Grenadier und der Reiter.
Die Schicksale der Menschen sah Alexander Iwanowitsch plötzlich von
hellem Licht durchleuchtet: er vermochte klar zu erblicken, was einmal sein
wird; er vermochte es jetzt zu erfahren, was nie geschehen kann: alles war
deutlich; das Schicksal schien sichtbar geworden zu sein; doch in sein eigenes
Schicksal zu blicken, davor bangte es ihm; erschüttert, ergriffen, sehnsuchterfüllt
stand er davor.
Und — der Mond bohrte sich in eine Wolke hinein . . .
Wild jagend flogen die Flockenarme der Wolken dahin; neblige
Hexenhaarsträhnen durchzogen die Höhe; und zweideutig tanzte dazwischen ein
brennender Phosphorfleck . . .
Plötzlich — ein betäubendes Brüllen: vom Viadukt her gegen den Newastrom
raste, mit riesigen Scheinwerfern blendend, petroleumkeuchend, ein Auto;
Alexander Iwanowitsch erblickte noch die gelben Mongolengesichter; dann
verließen ihn die Kräfte. Er fiel plötzlich zu Boden, und zu seinen Füßen rollte
seine durchnäßte Mütze, während er hinter seinem Rücken ein einem Wehklagen
ähnliches Lispeln vernahm:
»Herr Jesus Christus! Steh uns bei!«
Alexander Iwanowitsch wandte sich und gewahrte, daß es der Grenadier war.
»Herrgott, was war das?«
»Ein Auto: hohe japanische Gäste . . .«
Das Auto aber war nicht mehr zu sehen.
Stjopka
Hinter Petersburg, von Kolpino ab, läuft in Windungen die verlassene Straße:
diese Gegend — es gibt keine schrecklichere Gegend! Näherst du dich
Petersburg morgens oder blickst beim Erwachen aus dem Fenster: — tot; keine
einzige Seele, kein Dorf; es ist, als wäre das Menschengeschlecht ausgestorben
und die Erde selbst — ein toter Körper.
Vielschlotiges, vielrauchiges Kolpino.
Von Kolpino gegen Petersburg läuft also diese sich windende Straße; sie schlängelt sich einem grauen Bande gleich; ihr Rand ist von Schotter und
Telegraphenpfählen eingefaßt. Mit einem Bündel am Stock über der Schulter
wanderte dort ein Arbeitsbursche dahin; wurde aus irgendeinem Grund
fortgejagt; jetzt zog er auf seinem eigenen Rappen in der Richtung gegen
Petersburg; um ihn herum borstete sich das gelbe Schilf; tot lagen die Steine am
Wege; zuweilen flogen Schlagbäume auf und nieder, die Telegraphendrähte
summten, anfangs und endlos. Der Arbeitsbursche war der Sohn eines verarmten
Krämers; sein Name war Stjopka; kaum einen Monat hatte er in der Fabrik
gearbeitet, nun ging er nach Petersburg.
Vielstöckige Mauerriesen kauerten zwischen den Fabrikschloten, da und dort,
dort und hier; am Himmel war keine einzige Wolke zu sehen, und der Horizont
schien wie ein schmieriger Rußstreifen; und diesen Ruß atmeten dorten
anderthalb Millionen Einwohner.
All das sah mein Stjopka, doch aus all dem machte er sich wenig; auf einen
Schotterhaufen sich niederkauernd, aß er ein Stück von seinem Brot. Und weiter
ging’s: gegen Petersburg; gegen Petersburg, das giftige, rußbedeckte.
Am Abend dieses Tages öffnete sich die Tür der Hausmeisterwohnung; der
Hausmeister Matweij Morschow saß gerade im Zimmer und las den
»Börsenkurier«; die korpulente Hausmeisterin (sie litt immer an den Ohren)
hatte einen Berg von Kissen auf dem Tische liegen und war eifrig bemüht, mit
Hilfe russischen Terpentinöls die Wanzen aus denselben zu vertilgen; ein
scharfer, ätzender Geruch erfüllte die Hausmeisterwohnung.
In diesem Augenblick ging quiekend die Tür auf; auf der Schwelle stand
unsicher Stjopka (der Hausmeister Matweij Morschow auf der Wassiljewskij-
Insel war sein einziger Landsmann in Petersburg; es war daher begreiflich, daß
Stjopka ihn aufsuchte).
Am Abend erschien auf dem Tische eine Wodkaflasche; es erschienen auch
Sauergurken; es erschien auch Beßmertny, der Schuhmacher, mit seiner Gitarre.
Die Wodka lehnte Stjopka ab: um so mehr tranken der Hausmeister Matweij
Morschow und Beßmertny, der Schuhmacher.
»Hör’ nur mal . . . hör’ nur mal, was der Landsmann da alles erzählt«, sprach
schmunzelnd Morschow.
»Das kommt alles davon, weil sie nicht den gehörigen Verstand haben«,
zuckte der Schuster Beßmertny die Achseln; er berührte die Saite mit dem
Finger, und es ertönte: bim, bim. Stjopka aber erzählte immer wieder von
demselben: was sich in ihrem Dorfe für besondere Menschen eingefunden
hatten, was diese besonderen Menschen über dies und jenes für Ansichten
besaßen, wie sie im Dorfe des Kindleins Geburt, das heißt die Freiheit,
verkündeten: o, die allgemeine Freiheit.
»Das kommt alles davon, weil sie nicht den gehörigen Verstand haben; sie
haben nicht den gehörigen Verstand: und niemand hat ihn.«
Der Schuster berührte wieder die Saiten, und es ertönte: bim, bim. Er sang
dabei.
Stjopka erwiderte zuerst nichts; dann sang auch er ein Liedchen.
Wer aufmerksam gehorcht hatte, war der junge Herr, der oben die Mansarde
bewohnte und zufällig in die Hausmeisterwohnung hereingetreten war; er fragte
Stjopka über die von ihm erwähnten besonderen Menschen: was diese von dem
»Untergang der Welt« prophezeiten und von der Zeit, in welcher dies geschehen
werde; noch genauer erkundigte er sich über den fremden Herrn, der ins Dorf
gekommen war. Mager war der Herr, litt, wie es schien, und trank auch zuweilen
gern ein Gläschen; so daß Stjopka ihm öfters zugeredet hatte:
»Herr, Sie sind kränklich; der Tabak und die Wodka ist für Sie der Tod; auch
ich frönte früher diesem Laster, ich trank: dann aber gab ich ein Gelübde . . .
Vom Tabak und der Wodka ist alles Böse gekommen; ich weiß auch, wer das
Volk mit Wodka vergiftet: der Japaner.«
»Woher weißt du das alles?«
»Von der Wodka? Erstens sagt es selbst Graf Lew Nikolajewitsch Tolstoi —
haben Sie sein Büchelchen ‚Der erste Brantweinbrenner‘ gelesen? — Dasselbe
sagten aber auch die Leute im Dorf, die besonderen.«
»Und das mit den Japanern?«
»Von den Japanern — das weiß man schon: das wissen alle. Erinnern Sie sich
noch an den Sturm, der in Moskau wütete; damals haben die Leute auch dies und
jenes gesprochen; es sollen die Seelen der Erschlagenen gewesen sein: sie seien
vom Jenseits, hieß es, über Moskau gezogen, denn sie waren ohne kirchlichen
Segen von dannen gegangen. Und noch weiter hieß es: es bedeute einen Aufruhr,
der in Moskau ausbrechen würde.«
»Und was wird mit Petersburg geschehen?«
»Was da geschehen wird: Die Chinesen errichten hier einen Götzentempel!«
Der junge Herr lud dann Stjopka zu sich in die Mansarde ein: die Wohnung
des jungen Herrn war nicht hübsch, es bangte ihn, allein drinnen zu sitzen, da
nahm er Stjopka zu sich hinauf und ließ ihn bei sich schlafen.
Er nahm ihn also mit nach oben, ließ ihn vor sich Platz nehmen, holte aus dem
Koffer ein zerrissenes Schriftstück und las es Stjopka vor: »Eure politischen
Überzeugungen sind mir klar und deutlich: es ist immer derselbe Teufelsspuk,
immer dieselbe finstere Nacht; ihr glaubt mir nicht, aber ich weiß es schon zur
Genüge: ich weiß, daß ihr es in Bälde erfahren werdet, wie es viele bald erfahren
werden . . . Ich aber werde aus den unreinen Krallen befreit.
Es naht eine große Zeit: denkt daran, schreibt es euch auf, und sagt es euren Nachkommen« . . .
Stjopka zog mit der Nase laut die Luft ein, der junge Herr las noch lange das
Schriftstück . . .
»So ist es — so, so. Und wer hat das geschrieben?«
»Der ist im Auslande, verbannt ist er.«
»So—o . . .«
»Und was wird in der Zukunft geschehen, Stjopka?«
»Ich hörte: vor allem wird es ein Morden geben, dann kommt eine allgemeine
Unzufriedenheit; dann wieder kommen Seuchen, Hunger; nun, und dann, sagen
gelehrte Leute, wird es Unruhen geben: der Chinese wird sich gegen sich selbst
erheben; die Mohammedaner — auch sie werden sich rühren, aber daraus wird
nichts . . .«
»Na, und weiter?«
»Was weiter? Da hast du, Herr, eine Prophezeiung: wir müssen eine Arche
Noah bauen!«
»Wie bauen?«
»Wir werden sie schon bauen: Sie sagen es mir, ich sag’ es Ihnen — wir
werden es uns zuflüstern.«
»Was werden wir uns zuflüstern?«
»Aber das eben, immer dasselbe: vom zweiten Erscheinen Christi.«
»Genug: das alles ist . . .«
»Komm hernieder, Jesus Christus!«
Ende des zweiten Kapitels.