Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 33 von 103

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Petersburg

Stjopka

mit der holländischen Mütze, vielleicht die helle Laterne des wachthabenden

Matrosen.

Einem Rußwölkchen gleich, löste sich der Halbschatten vom kupfernen

Reiter, und schwärzer zeichneten sich auf den Steinen des Pflasters der

buschhaarige Grenadier und der Reiter.

Die Schicksale der Menschen sah Alexander Iwanowitsch plötzlich von

hellem Licht durchleuchtet: er vermochte klar zu erblicken, was einmal sein

wird; er vermochte es jetzt zu erfahren, was nie geschehen kann: alles war

deutlich; das Schicksal schien sichtbar geworden zu sein; doch in sein eigenes

Schicksal zu blicken, davor bangte es ihm; erschüttert, ergriffen, sehnsuchterfüllt

stand er davor.

Und — der Mond bohrte sich in eine Wolke hinein . . .

Wild jagend flogen die Flockenarme der Wolken dahin; neblige

Hexenhaarsträhnen durchzogen die Höhe; und zweideutig tanzte dazwischen ein

brennender Phosphorfleck . . .

Plötzlich — ein betäubendes Brüllen: vom Viadukt her gegen den Newastrom

raste, mit riesigen Scheinwerfern blendend, petroleumkeuchend, ein Auto;

Alexander Iwanowitsch erblickte noch die gelben Mongolengesichter; dann

verließen ihn die Kräfte. Er fiel plötzlich zu Boden, und zu seinen Füßen rollte

seine durchnäßte Mütze, während er hinter seinem Rücken ein einem Wehklagen

ähnliches Lispeln vernahm:

»Herr Jesus Christus! Steh uns bei!«

Alexander Iwanowitsch wandte sich und gewahrte, daß es der Grenadier war.

»Herrgott, was war das?«

»Ein Auto: hohe japanische Gäste . . .«

Das Auto aber war nicht mehr zu sehen.

 

Stjopka

 

Hinter Petersburg, von Kolpino ab, läuft in Windungen die verlassene Straße:

diese Gegend — es gibt keine schrecklichere Gegend! Näherst du dich

Petersburg morgens oder blickst beim Erwachen aus dem Fenster: — tot; keine

einzige Seele, kein Dorf; es ist, als wäre das Menschengeschlecht ausgestorben

und die Erde selbst — ein toter Körper.

Vielschlotiges, vielrauchiges Kolpino.

Von Kolpino gegen Petersburg läuft also diese sich windende Straße; sie schlängelt sich einem grauen Bande gleich; ihr Rand ist von Schotter und

Telegraphenpfählen eingefaßt. Mit einem Bündel am Stock über der Schulter

wanderte dort ein Arbeitsbursche dahin; wurde aus irgendeinem Grund

fortgejagt; jetzt zog er auf seinem eigenen Rappen in der Richtung gegen

Petersburg; um ihn herum borstete sich das gelbe Schilf; tot lagen die Steine am

Wege; zuweilen flogen Schlagbäume auf und nieder, die Telegraphendrähte

summten, anfangs und endlos. Der Arbeitsbursche war der Sohn eines verarmten

Krämers; sein Name war Stjopka; kaum einen Monat hatte er in der Fabrik

gearbeitet, nun ging er nach Petersburg.

Vielstöckige Mauerriesen kauerten zwischen den Fabrikschloten, da und dort,

dort und hier; am Himmel war keine einzige Wolke zu sehen, und der Horizont

schien wie ein schmieriger Rußstreifen; und diesen Ruß atmeten dorten

anderthalb Millionen Einwohner.

All das sah mein Stjopka, doch aus all dem machte er sich wenig; auf einen

Schotterhaufen sich niederkauernd, aß er ein Stück von seinem Brot. Und weiter

ging’s: gegen Petersburg; gegen Petersburg, das giftige, rußbedeckte.

Am Abend dieses Tages öffnete sich die Tür der Hausmeisterwohnung; der

Hausmeister Matweij Morschow saß gerade im Zimmer und las den

»Börsenkurier«; die korpulente Hausmeisterin (sie litt immer an den Ohren)

hatte einen Berg von Kissen auf dem Tische liegen und war eifrig bemüht, mit

Hilfe russischen Terpentinöls die Wanzen aus denselben zu vertilgen; ein

scharfer, ätzender Geruch erfüllte die Hausmeisterwohnung.

In diesem Augenblick ging quiekend die Tür auf; auf der Schwelle stand

unsicher Stjopka (der Hausmeister Matweij Morschow auf der Wassiljewskij-

Insel war sein einziger Landsmann in Petersburg; es war daher begreiflich, daß

Stjopka ihn aufsuchte).

Am Abend erschien auf dem Tische eine Wodkaflasche; es erschienen auch

Sauergurken; es erschien auch Beßmertny, der Schuhmacher, mit seiner Gitarre.

Die Wodka lehnte Stjopka ab: um so mehr tranken der Hausmeister Matweij

Morschow und Beßmertny, der Schuhmacher.

»Hör’ nur mal . . . hör’ nur mal, was der Landsmann da alles erzählt«, sprach

schmunzelnd Morschow.

»Das kommt alles davon, weil sie nicht den gehörigen Verstand haben«,

zuckte der Schuster Beßmertny die Achseln; er berührte die Saite mit dem

Finger, und es ertönte: bim, bim. Stjopka aber erzählte immer wieder von

demselben: was sich in ihrem Dorfe für besondere Menschen eingefunden

hatten, was diese besonderen Menschen über dies und jenes für Ansichten

besaßen, wie sie im Dorfe des Kindleins Geburt, das heißt die Freiheit,

verkündeten: o, die allgemeine Freiheit.

»Das kommt alles davon, weil sie nicht den gehörigen Verstand haben; sie

haben nicht den gehörigen Verstand: und niemand hat ihn.«

Der Schuster berührte wieder die Saiten, und es ertönte: bim, bim. Er sang

dabei.

Stjopka erwiderte zuerst nichts; dann sang auch er ein Liedchen.

Wer aufmerksam gehorcht hatte, war der junge Herr, der oben die Mansarde

bewohnte und zufällig in die Hausmeisterwohnung hereingetreten war; er fragte

Stjopka über die von ihm erwähnten besonderen Menschen: was diese von dem

»Untergang der Welt« prophezeiten und von der Zeit, in welcher dies geschehen

werde; noch genauer erkundigte er sich über den fremden Herrn, der ins Dorf

gekommen war. Mager war der Herr, litt, wie es schien, und trank auch zuweilen

gern ein Gläschen; so daß Stjopka ihm öfters zugeredet hatte:

»Herr, Sie sind kränklich; der Tabak und die Wodka ist für Sie der Tod; auch

ich frönte früher diesem Laster, ich trank: dann aber gab ich ein Gelübde . . .

Vom Tabak und der Wodka ist alles Böse gekommen; ich weiß auch, wer das

Volk mit Wodka vergiftet: der Japaner.«

»Woher weißt du das alles?«

»Von der Wodka? Erstens sagt es selbst Graf Lew Nikolajewitsch Tolstoi —

haben Sie sein Büchelchen ‚Der erste Brantweinbrenner‘ gelesen? — Dasselbe

sagten aber auch die Leute im Dorf, die besonderen.«

»Und das mit den Japanern?«

»Von den Japanern — das weiß man schon: das wissen alle. Erinnern Sie sich

noch an den Sturm, der in Moskau wütete; damals haben die Leute auch dies und

jenes gesprochen; es sollen die Seelen der Erschlagenen gewesen sein: sie seien

vom Jenseits, hieß es, über Moskau gezogen, denn sie waren ohne kirchlichen

Segen von dannen gegangen. Und noch weiter hieß es: es bedeute einen Aufruhr,

der in Moskau ausbrechen würde.«

»Und was wird mit Petersburg geschehen?«

»Was da geschehen wird: Die Chinesen errichten hier einen Götzentempel!«

Der junge Herr lud dann Stjopka zu sich in die Mansarde ein: die Wohnung

des jungen Herrn war nicht hübsch, es bangte ihn, allein drinnen zu sitzen, da

nahm er Stjopka zu sich hinauf und ließ ihn bei sich schlafen.

Er nahm ihn also mit nach oben, ließ ihn vor sich Platz nehmen, holte aus dem

Koffer ein zerrissenes Schriftstück und las es Stjopka vor: »Eure politischen

Überzeugungen sind mir klar und deutlich: es ist immer derselbe Teufelsspuk,

immer dieselbe finstere Nacht; ihr glaubt mir nicht, aber ich weiß es schon zur

Genüge: ich weiß, daß ihr es in Bälde erfahren werdet, wie es viele bald erfahren

werden . . . Ich aber werde aus den unreinen Krallen befreit.

Es naht eine große Zeit: denkt daran, schreibt es euch auf, und sagt es euren Nachkommen« . . .

Stjopka zog mit der Nase laut die Luft ein, der junge Herr las noch lange das

Schriftstück . . .

»So ist es — so, so. Und wer hat das geschrieben?«

»Der ist im Auslande, verbannt ist er.«

»So—o . . .«

 

»Und was wird in der Zukunft geschehen, Stjopka?«

»Ich hörte: vor allem wird es ein Morden geben, dann kommt eine allgemeine

Unzufriedenheit; dann wieder kommen Seuchen, Hunger; nun, und dann, sagen

gelehrte Leute, wird es Unruhen geben: der Chinese wird sich gegen sich selbst

erheben; die Mohammedaner — auch sie werden sich rühren, aber daraus wird

nichts . . .«

»Na, und weiter?«

»Was weiter? Da hast du, Herr, eine Prophezeiung: wir müssen eine Arche

Noah bauen!«

»Wie bauen?«

»Wir werden sie schon bauen: Sie sagen es mir, ich sag’ es Ihnen — wir

werden es uns zuflüstern.«

»Was werden wir uns zuflüstern?«

»Aber das eben, immer dasselbe: vom zweiten Erscheinen Christi.«

»Genug: das alles ist . . .«

 

»Komm hernieder, Jesus Christus!«

 

Ende des zweiten Kapitels.