Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 91 von 103

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Petersburg

Das Reptil

»Apollon Apollonowitsch hat seinen Abschied genommen . . .«

Alle sprangen von den Plätzen auf; der Beamte Legonin begann zu weinen; es

entstand ein blödes Stimmengewirr, ein Fußtrampeln; aus dem Zimmer des

Vizedirektors drang eine feste Stimme und das Knattern der Telephonglocke

(zum Departement neun); der Vizedirektor stand mit bebendem Kinn da; in

seiner Hand tanzte das Telephonrohr hin und her. Apollon Apollonowitsch

Ableuchow war bereits nicht mehr das Haupt des Amtes.

Eine Viertelstunde später erteilte der grauhaarige Vizedirektor, in hoch

zugeknöpftem Amtsrock und mit dem Annaorden auf der Brust, seine Befehle;

zwanzig Minuten später schritt er mit frisch rasiertem, verjüngtem Gesicht durch

die weiten Säle.

Das war der Verlauf eines Ereignisses von unbeschreiblicher Wichtigkeit.

 

Das Reptil

 

Die schäumenden Wasser des Kanals wälzten sich gegen die Stelle, an der der

Wind, aus der öden Ferne des Marsfeldes kommend, stöhnte: ein schrecklicher

Ort!

Am Rande dieses schrecklichen Ortes prangt ein herrlicher Palast; sein nach

oben ragender Turm gibt ihm das Aussehen eines wunderschönen Schlosses:

rosarot, steinschwer; ein Gekrönter lebte in diesen Mauern; schon lange ist es

her: der Gekrönte weilt längst nicht mehr unter den Lebenden.

Seiner Seele, o Herr, sei in deinem Reiche gnädig!

Der rosenrote Palast hob sich mit seinen nach oben ragenden Dächern von den

vollständig blätterlosen, knorrigen Ästen der Umgebung ab; in wirrem

Durcheinander streckten sich die Zweige gegen den Himmel und fingen die

weißgrauen Nebelbausche auf; ächzend flog, pfeilgerade, eine Krähe auf; sie

flog auf, schwebte eine Weile in den Nebelflocken und stürzte sich wieder

hernieder zur Erde.

Ein Droschkenwagen durchkreuzte diesen Ort.

Ihm entgegen liefen zwei kleine, rötliche Häuschen, die, ein Einfahrtstor

bildend, auf dem Platz vor dem Palast standen; links drohte heulend eine

Baumgruppe; die gebogenen Gipfel der Stämme neigten sich, wie zum Überfall;

die dünne Turmspitze blinkte oben aus den nebligen Flocken hervor.

Schwarz zeichnete sich eine Reiterstatue aus dem Nebelgrau des Platzes; die

Reisenden, die Petersburg besuchen, schenken diesem Denkmal keine

Aufmerksamkeit; ich selbst pflegte oft vor ihm zu stehen: ein herrliches Werk! Wie schade, daß ein armseliger Witzbold seinen Sockel, wie ich bei meinem

jüngsten Hiersein bemerkte, mit Gold bestrichen hat.

Ein Selbstherrscher und Urenkel hatte dieses Denkmal seinem großen

Urgroßvater errichtet; dieser Selbstherrscher war es gewesen, der das Schloß hier

bewohnt hatte; in dieser rosaroten Steinburg hat er auch seine unglücklichen

Tage beendet; er hat nicht lange hier gelitten; sein Leiden konnte nicht lange

währen; zwischen starrsinniger Eitelkeit und edlen Wallungen wurde seine Seele

zu Tode gezerrt; in Stücke zerrissen, entfloh die kindliche Seele ihrem Körper.

Wie oft mag das stumpfnasige Gesicht mit den weißgepuderten Locken aus

diesen Fenstern hinausgeblickt haben, vielleicht aus dem dort? Wie oft mochte

hinter diesen Scheiben das stumpfnasige Gesicht mit den weißgepuderten

Locken voller Sehnsucht seine Augen in die Ferne getaucht haben, in das rosige

Verbleichen des Himmels, in das silberne Spiel des Mondlichts im dunklen

Blättergewirr der Sträucher . . . Vor dem Tor stand die Schildwache mit

breitkrempigem dreieckigem Hut auf dem Kopf, und salutierte mit dem Gewehr,

wenn die Majestät mit goldbestickter Brust und dem Andrejewschen Band über

der Schulter aus der Tür trat, um seinen aquarellbemalten Wagen zu besteigen,

auf dessen hohem Bock ein flammenroter Kutscher saß, während auf den

Trittbrettern zwei dicklippige Neger standen.

Alles mit flüchtigem Blicke streifend, setzte Kaiser Pawel Petrowitsch das

sentimentale Gespräch mit dem in duftige Gazeschleier gehüllten Hoffräulein

fort; das Hoffräulein lächelte und ihre Wangen zeigten zwei neckische

Grübchen, und — ein schwarzes Schönheitspflästerchen . . .

In jener verhängnisvollen Nacht fiel silbernes Mondlicht durch die Scheibe

auf die schweren Möbel des kaiserlichen Schlafgemachs; es fiel auf das Bett und

vergoldete den am Rande sitzenden, kleinen schelmischen, funkensprühenden

Amor; auf dem blassen Linnen zeichnete sich das wie mit Tusche leicht

hingeworfene Profil ab; irgendwo schlug eine Turmuhr; irgendwo tönten Schritte

. . . Es waren kaum drei Minuten vergangen und zerwühlt war das Bett; an der

Stelle, wo das blasse Profil sich abgehoben hatte, sah man nur eine Vertiefung

im Kissen; das Bettleinen war noch warm; der Schlafende war verschwunden;

ein Häufchen weißgepuderter Offiziere mit blanken Säbeln stand über das Lager

gebeugt; jemand suchte eine Seitentür von außen zu sprengen; man hörte eine

weinende Frauenstimme; plötzlich hob ein Offizier mit rosigen Lippen den

schweren Fenstervorhang; in dem durchsichtigen Silber hinter dem Fenster sah

man — einen schwarzen, hageren, zitternden Schatten.

Der Mond fuhr fort sein leichtes Silber noch weiter in das Gemach zu streuen,

auf die schweren Möbel des kaiserlichen Schlafgemachs; es fiel auf das Bett; es

vergoldete die kleinen Amoretten an dem Kopfende; es fiel auch auf das todblasse, wie mit leichter Tusche hingeworfene Profil . . . Irgendwo schlug eine

Turmuhr; Schritte tönten in der Ferne.

 

Gedankenlos betrachtete Nikolai Apollonowitsch diesen düsteren Platz und

merkte nicht, daß das rasierte Gesicht des neben ihm sitzenden Leutnants sich

ihm immer wieder zuwandte; der Blick, mit dem Leutnant Lichutin sein Opfer

streifte, schien von Neugierde erfüllt; Lichutin rückte fortwährend auf seinem

Platze hin und her; stieß seinen Nachbar in die Seite; allmählich erriet Nikolai

Apollonowitsch, daß der Leutnant es nicht über sich bringen konnte, ihn zu

berühren — wenn auch nur mit dem Ellbogen, und er rückte immer weiter fort

und beschenkte den anderen mit Seitenpuffen.

In diesem Augenblick riß ein Windstoß Ableuchow den italienischen Hut vom

Kopf und er war genötigt, ihn mit unwillkürlichen Bewegungen von den Knien

seines Nachbars aufzufangen; er berührte dabei Lichutins kalte Finger und diese

Finger zuckten zusammen und sprangen wie durch die Berührung von etwas

Widerlichem zurück; der spitze Ellbogen machte eine rückwärtige Bewegung;

als hätte der Leutnant Lichutin nicht die Haut seines guten Bekannten, ja seines

Spielkameraden, berührt, sondern . . . ein Reptil . . . das man am liebsten . . . mit

dem Fuß zerdrücken möchte . . .

Diese Bewegung war Ableuchow nicht entgangen; er sah seinerseits jetzt mit

prüfendem Blick den Freund seiner Kindheit an, mit dem er einst auf du

gewesen war; dieser Sserjosha, nämlich Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin, hatte

sich seit ihrem letzten Zusammensein mindestens um acht Jahre verjüngt und

hatte sich wieder in Sserjosha verwandelt; aber dieser Sserjosha horchte jetzt

nicht mehr voll Spannung den gedanklichen Flügen Ableuchows, wie damals,

vor — acht Jahren, als sie in den Holunderbüschen des alten großväterlichen

Parks sich verborgen hielten; acht Jahre sind vergangen; diese acht Jahre haben

alles verändert; die Holunderbüsche sind abgetragen worden und er . . . mit

heimlicher Unterwürfigkeit sah er Ssergeij Ssergeijewitsch an.

Ableuchows Gesicht magerte plötzlich ab.

»Sie quittieren Ihren Dienst, Ssergeij Ssergeijewitsch?«

»Ha?«

». . . Ihren Dienst? . . .«

»Ja, wie Sie sehen . . .«

Ssergeij Ssergeijewitsch maß Ableuchow mit einem Blick, als sähe er ihn zum

erstenmal; er sah ihn vom Kopf bis zu den Füßen an.

»Ich würde Ihnen raten, Ssergeij Ssergeijewitsch, den Mantelkragen

hochzuheben: Ihr Hals ist erkältet und bei diesem Wetter . . . da ist es wirklich

sehr leicht möglich . . .«

»Was meinen Sie?«

»Sie können sich leicht eine Halsentzündung zuziehen.«

»Ihrer Sache wegen« — brachte mit dumpfem Brummen Lichutin hervor.

— ?

»Es hat mit dem Hals nichts zu tun . . . Ich habe Ihrer Sache wegen den Dienst

quittiert, das heißt, nicht einmal Ihrer Sache wegen, sondern Ihretwegen.«

»Aha, eine Anspielung!« wäre beinahe laut aus Ableuchow herausgekommen;

aber er fing wieder einen Blick auf: so sieht man nicht die an, die man kennt; so

sieht man höchstens ein überseeisches Wunder im Panoptikum an.

So sehen Passanten einen Elefanten an, den man zuweilen in vorgerückter

Abendstunde auf dem Wege vom Bahnhof zum Zirkus antrifft. Sie heben die

Augen, machen einen Ruck nach rückwärts und glauben ihren eigenen Augen

nicht, zu Hause erzählen sie:

»Denkt euch, wir haben auf der Straße einen Elefanten gesehen.«

Aber alle lachen über sie.

Eine solche Neugierde sprach aus Lichutins Blicken; es war keine Empörung

in ihnen, höchstens ein gewisser Ekel (wie von der Nähe einer Ringelnatter);

kriechende Reptile rufen keine Empörung hervor, man möchte nur . . . sie mit

dem Fuße . . . zertreten.

Nikolai Apollonowitsch dachte über Lichutins Worte nach: er quittiere

seinetwegen den Dienst; ja, Leutnant Lichutin verliert die Möglichkeit, Offizier

zu sein, nach dem, was bald zwischen ihnen geschehen sein wird; in der

Wohnung wird wohl niemand sein; es wird da etwas geschehen, etwas . . . Hier

wurde Ableuchow von ernster Angst gepackt; er rückte unruhig auf seinem

Platze und — und plötzlich bohrten sich alle seine zehn Finger in den Arm des

Offiziers.

»Ha! . . . Was meinen Sie . . . Warum wollen Sie? . . .«

Ein rosafarbiges Häuschen, von oben bis unten mit Stuck verziert, eilte an

ihnen vorbei: dieses Rokokohäuschen war vielleicht einst die Wohnstätte des

Hoffräuleins gewesen, des Hoffräuleins mit den schelmischen Grübchen in den

Wangen und dem schwarzen Schönheitspflästerchen.

»Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Ich, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Ich muß

gestehen . . . Ach, ich bedaure so sehr . . . Mein Benehmen war sehr, sehr

bedauerlich . . . Ich habe mich benommen, Ssergeij Ssergeijewitsch . . .

schmachvoll, betrübend . . . Aber ich habe — eine Rechtfertigung; ja, ich habe,

habe eine Rechtfertigung. Als ein gebildeter humaner Mensch, als lichte

Erscheinung, dürften Sie, Ssergeij Ssergeijewitsch, das begreifen können . . . Ich

habe diese Nacht nicht geschlafen, ich will sagen: ich leide an Schlaflosigkeit

. . . Die Ärzte fanden« (er erniedrigte sich nun zu einer Lüge) ». . . Ich meine, mein Zustand wird als sehr ernst betrachtet. Gehirnübermüdung mit

Pseudohalluzinationen« (ihm fielen plötzlich Dudkins Worte ein) ». . . Was

meinen Sie dazu?«

Ssergeij Ssergeijewitsch sagte nichts: ohne jede Empörung sah er ihn an; in

seinem Blicke war nur Ekel (wie in der Nähe einer Ringelnatter); Reptile lösen

ja keinen Zorn aus: sie . . . zertritt man nur mit dem Fuß . . .

»Pseudohalluzinationen . . .« wiederholte flehend Ableuchow, erschreckt,

klein, ungelenk, und verkroch sich mit den Augen in die des anderen (diese

Augen aber antworteten nicht); er wollte schon hier die Auseinandersetzung

beenden, hier, in der Droschke und nicht dort in der Wohnung; das

verhängnisvolle Hausportal ist schon so, so nahe; ist die Auseinandersetzung bis

zur Erreichung des Portals nicht beendet — dann ist alles aus, alles, alles! A—

us! Ein Mord geschieht, eine tätliche Beleidigung, oder es kommt zu einer

einfachen Schlägerei.

»Ich . . . ich . . . ich . . .«

»Steigen Sie aus, wir sind schon da . . .«

Mit bleiernen, unbeweglichen Blicken sah Nikolai Apollonowitsch um sich,

sah in die bläulichen Nebelflocken, sah auf die mit einem Glucksen

niederfallenden Tropfen, auf die metallischen Blasen der Pfützen.

Leutnant Lichutin sprang aus der Droschke, warf dem Kutscher das Fahrgeld

zu und blieb auf dem Trottoir in Erwartung des Senatorsöhnchens stehen, der,

schwerfällig zaudernd, noch nicht ausgestiegen war.

»Warten Sie bitte, Ssergeij Ssergeijewitsch, ich hatte ja einen Stock . . . Wo ist

er nur? Ach, sollte ich ihn . . . verloren haben?«

Er suchte wirklich nach seinem Stock; aber der Stock war rettungslos

verschwunden; ganz blaß und beunruhigt drehte Nikolai Apollonowitsch die

Augen nach allen Seiten.

»Nun, was ist?«

»Aber mein Stock . . .«

Ableuchows Kopf sank tief auf die Schultern; die Schultern wiegten sich auf

und ab; der Mund zog sich auf eine Seite aus; mit bleiernem, unbeweglichem

Blick sah Nikolai Apollonowitsch vor sich hin, in die bläulichen Nebelflocken,

und rührte sich nicht vom Fleck.

Da begann Lichutin zornig und ungeduldig zu atmen; er faßte Ableuchow

delikat, aber fest am Ärmel, und hob ihn vorsichtig wie einen Warenballen aus

der Droschke.

Nikolai Apollonowitsch krallte sich mit allen zehn Fingern in Lichutins Arm:

jetzt müssen sie über die dunkle Stiege gehen: wie, wenn die Hand des Offiziers

eine unanständige Geste machen wird, der er im Dunkeln nicht ausweichen kann; die Handlung wird geschehen sein und dann — ist es — aus; das