Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 86 von 103

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Petersburg

Der Plan

ungeheure Nichts; im Unansehnlichen dehnte sich aus urewigen Zeiten das

Ungeheure des Nichts —

— so dehnt sich der Magen durch Gase, an denen alle Ableuchows litten seit

urewigen Zeiten!

Zum innerlich unansehnlichen Etwas gesellte sich das ungeheure Nichts; das

Etwas schwoll durch das leere, nullige Nichts zu einem Grauen an.

Gaurissankare entstanden; er aber, Nikolai Apollonowitsch, mußte dabei

explodieren wie eine Bombe.

Ha? Bombe? Sardinenbüchse? . . .

Im Nu flog wieder durch seinen Kopf, was schon seit dem Morgen darin war:

sein Plan.

Was für einer?

 

Der Plan

 

Ja, ja, ja!

Heimlich die Sardinenbüchse hinlegen: unter das väterliche Kopfkissen; oder

nein: unter die Matratze. Das zu Erwartende wird eintreten: für die Pünktlichkeit

garantiert das Uhrwerk.

Er aber wird sagen:

»Gute Nacht, Vater!«

Zur Antwort:

»Gute Nacht, Kolenka!«

Ein Kuß auf die Lippen und dann zurück in das eigene Zimmer.

Sich voll Ungeduld ausziehen — unbedingt ausziehen! Die Tür mit dem

Schlüssel absperren und die Decke über den Kopf ziehen.

Wie der Vogel Strauß sein.

Im warmen, molligen Bett aber zu zittern, schwer zu atmen anfangen —

wegen der Herzstöße; sich bangen, fürchten, horchen: bis es dort . . . bumsen . . .

knallen wird, dort — hinter dem Schwarm von steinernen Wänden; warten auf

das Knallen, das die Stille zerreißt, das Bett, den Tisch, die Wand zerreißen wird;

vielleicht auch . . . vielleicht auch . . .

Sich bangen, fürchten, horchen . . . Das wohlbekannte Schlürfen der

Pantoffeln hören, die sich nach . . . dem mit nichts vergleichbaren Ort begeben.

Das leichte französische Buch beiseite werfen und nach der Watte, der

einfachen Watte greifen, um sich die Ohren zuzustopfen; den Kopf unter das Kissen stecken. Sich dann endgültig überzeugen: Jetzt hilft nichts! Jäh die Decke

fortwerfen, um den schweißbedeckten Kopf frei zu machen und in dem Abgrund

der Angst einen neuen Abgrund entstehen zu lassen.

Warten und warten.

Es ist nun noch eine halbe Stunde Zeit übriggeblieben; es naht schon die

grünliche Erhellung der Morgendämmerung; das Zimmer wird grau, blau;

schwächer wird die Flamme der Kerze; noch fünfzehn Minuten; da erlöscht das

Licht; langsam fließen die Ewigkeiten dahin; es sind eben keine Minuten,

sondern Ewigkeiten; ein Streichholz reiben; es sind nur fünf Minuten vergangen

. . . nun sich bei dem Gedanken beruhigen, daß es doch noch nicht bald ist, erst

nach zehn langsamen Umdrehungen des Zeitrades, dann — aber durch die

Plötzlichkeit erschüttert werden, wenn —

— der nie gehörte, nie sich wiederholende, faszinierende Laut denn doch

. . .

— erdonnern wird!!! . . . .

Dann: —

— rasch in die Unterhose schlüpfen (nein, was Unterhose: lieber so) — oder

sogar nur im bloßen Nachthemd, mit verzerrtem, ganz weißem, erstauntem

Gesicht —

— ja, ja, ja! —

— aus dem warmen Bett springen und mit nackten Füßen in den

geheimnisvollen Raum — den dunklen Korridor rennen, wie ein Blitz

rennen, dorthin, von wo der nie wiederkehrende Laut gekommen war, die

Diener umrennend weiterstolpern und die besonderen Gerüche in sich

aufnehmen, die Mischung von Rauch, Gebranntem, Gas und . . . etwas,

was noch schrecklicher ist als Rauch und alles andere.

Übrigens, nein, riechen wird man wahrscheinlich überhaupt nichts.

In das raucherfüllte, qualmende Zimmer hineinrennen, um es, erstickend vor

Husten, sofort wieder zu verlassen und den Kopf durch das schwarze Loch in der

Wand zu stecken, das durch jene Explosion entstanden ist (in der Hand wird

inzwischen der Leuchter mit der in aller Eile angezündeten Kerze tanzen).

Durch das Loch in der Wand wird die rotgelbe Flamme den Ort beleuchten,

der früher das Schlafzimmer geheißen hatte . . . Die rotgelbe Flamme wird etwas

höchst Unwesentliches beleuchten: den überall aufsteigenden Rauch.

Dann — wird noch etwas beleuchtet sein . . . nein! Über dieses Bild wird der

Vorhang aus Rauch geworfen, aus Rauch! . . . Rauch und Rauch, nichts weiter!

Aber doch . . .

Einen kurzen Augenblick unter diesen Vorhang blicken und ah, ah! Die Hälfte

der Wand ganz rot: dieses Rot fließt; die Wand ist also naß; also auch — klebrig,

klebrig . . . Das alles wird der erste Eindruck vom Zimmer sein; zugleich aber

auch der letzte. Zwischendurch wird sich anderes einprägen: die mit Stuck

bedeckten Wände, die Holzsplitter vom Parkett, Fetzen vom verbrannten

Teppich; die Fetzen qualmen noch. Nein, lieber nicht weiter . . . aber doch . . .

der Schienbeinknochen?

Warum blieb gerade dieser Knochen unversehrt?

All das wird Sache eines kurzen Augenblicks sein; hinter seinem Rücken aber

— ebenfalls kurze Augenblicke: ein blödes Stimmengewirr, ein Strampeln mit

den Füßen im Korridor, verzweifeltes Geheul der — denken Sie sich nur! —

Abwaschfrau; das Rattern der Telephonglocke (wahrscheinlich wird die Polizei

verständigt). . .

Den Leuchter fallen lassen . . . . auf dem Boden kauernd zucken vor dem

kalten Oktoberwind, der durch das Loch in der Wand eindringt (bei jenem Knall

waren alle Fensterscheiben auseinandergestoben), zucken vor Kälte und an dem Nachthemd zupfen, bis der mitleidige Diener sich nähert —

— der Kammerdiener vielleicht, derselbe, auf den später die Schuld

abzuwälzen am leichtesten sein wird (auf ihn wird ja auch so zu allererst der

Schatten des Verdachtes fallen) — bis der mitleidige Diener dich mit Gewalt in

das andere Zimmer zieht und mit Gewalt kaltes Wasser in den Mund gießt . . .

Aber sich vom Fußboden erhebend erblicken: — dir zu Füßen dieselbe

dunkelrote Klebrigkeit, die jener Knall hierher geschmissen hatte . . . er schmiß

sie durch das Loch in der Wand zugleich mit einem Stück Haut (von welcher

Stelle mag nur die sein?) herüber . . . Die Augen erheben und sehen, wie an der

Wand klebend . . .

Brrr! . . . Hier ohnmächtig werden.

 

Die Komödie bis zu Ende spielen.

Vierundzwanzig Stunden später vor dem fest geschlossenen Sarge (es gab ja

nichts, was in den Sarg zu legen gewesen wäre) mit deutlich klarer Stimme, im

eng anliegenden Studentenkittel über der Kerze gebeugt beten.

Zwei Tage später frisch rasiert, das marmorne, gottähnliche Gesicht in den

Pelz des Wintermantels vergraben mit dem Ausdruck eines unschuldigen Engels

hinter den Sarg auf die Straße treten; mit den weißbehandschuhten Händen die

Mütze drücken und, von einer Suite hoher Persönlichkeiten umgeben, bis zum

Friedhof hinter dem Blumenberg (dem Sarg) schreiten. Diesen Sarg werden

Greise mit goldbestickter, ordengeschmückter Brust, weißen Hosen und Säbeln

an der Seite auf ihren zitternden Händen die Treppe hinuntertragen.

Acht kahlköpfige Greise werden die Last tragen.

 

Und — ja, ja!

Bei der Untersuchung so auszusagen, daß . . . auf irgend jemand (ohne

Vorbedacht) doch ein Schatten fallen muß; es muß auf irgend jemand ein

Schatten fallen, damit er nicht auf dich selbst fällt . . . Wie anders machen?

Auf irgend jemand wird ein Schatten geworfen . . .

Auf irgend jemand wird ein Schatten fallen . . .

 

Kolenka, der dumme Tropf,

Hüpft und tanzet immer;

Mit der Mütze auf dem Kopf

Reitet er durchs Zimmer.

 

Ihm wurde es klar: in dem Augenblick, wo Nikolai Apollonowitsch im Namen

einer Idee (so glaubte er) es auf sich genommen hatte, Vollstrecker des Todesurteils zu sein, im selben Augenblick — nicht heute, wo er sich den ganzen

Morgen auf dem grauen Prospekt herumgetrieben hatte, war dieser ganze Plan

von ihm ausgeheckt worden; die Tat im Namen einer Idee, so sehr erregend sie

war, verband sich in ihm mit teuflischer, gleichmütiger Verstellungskunst, mit

der Fähigkeit zu verleumden: vollständig unschuldige Menschen zu verleumden

(am bequemsten — den Kammerdiener; der wurde zuweilen von einem Neffen

oder so was, einem Schüler der Gewerbeschule, besucht; wohl schien er von

Parteien nichts gewußt zu haben, aber das macht nichts . . .).

In jedem Falle rechnete er mit seiner Kaltblütigkeit. Zum Vatermord gesellte

sich Lüge, gesellte sich auch Feigheit, aber auch — was die Hauptsache war —

Gemeinheit.

 

Er ist — ein Schuft . . .

 

Alles, was in diesen zwei Tagen geschehen war, waren Tatsachen gewesen von

denen jede ein Ungeheuer war; ein Haufen von Tatsachen, das heißt, ein

Schwarm von Ungeheuern; vor diesen zwei Tagen hatte es keine Tatsachen

gegeben; und die Ungetüme hatten nicht hinter ihm hergejagt; Nikolai

Apollonowitsch hatte gegessen, geschlafen, gelesen; er hatte Liebe empfunden:

zu Sofja Petrowna; mit einem Wort: alles hatte sich in bestimmtem Rahmen

bewegt.

Aber, und — nochmals aber! . . .

Er hatte anders als alle anderen gegessen und hatte anders als alle anderen

geliebt; seine Träume waren schwer und dumpf gewesen; das Essen schien

geschmacklos, und selbst seine Liebe hatte nach der Episode an der Brücke

einen sonderbaren Charakter angenommen: den Charakter der Verhöhnung mit

Hilfe des Dominos; seinen Vater — hatte er gehaßt; es gab also ein Etwas, das

sich hinter ihm herschlich, das auf all sein Tun ein besonderes Licht warf (lag

nicht darin auch der Grund, daß er fortwährend zusammenfuhr, daß seine Arme

wie unnötige Lappen herunterhingen, daß sein Gesicht ein Froschlächeln

aufwies?).

Was war dieses Etwas?

War es sein der Partei gegebenes Versprechen? Wohl hatte er das Versprechen

nicht zurückgenommen, aber er hatte auch an dieses nicht mehr gedacht; gedacht

haben andere für ihn (wie wir wissen — Lipantschenko); er hatte aber auch

gegessen, geschlafen, geliebt, gehaßt in seiner besonderen, seltsamen Weise;

ebenso seltsam erschien seine kleine Figur auf der Straße, wenn das Ende seines

Überwurfs im Wind flatterte und er mit gekrümmtem Rücken wie ein Buckliger dahinschritt . . .

Es lag also an dem Entschluß, den er dort, dort an der Brücke, gefaßt hatte, als

ein kalter Newawind geblasen und er vor sich einen Mann mit steifem Hut,

Stock, Schnurrbart erblickt hatte (die Bewohner Petersburgs zeichnen sich durch

— hm — hm! — Eigenschaften aus! . . .).

Aber wiederum schon das Stehen auf der Brücke war ja nur eine Folge davon,

daß es ihn dahin getrieben hatte; die Liebe hatte ihn getrieben; doch hatte er

seine Leidenschaften in besonderer Weise erlebt, unschön — kalt.

An der Kälte also lag es.

Diese Kälte war schon in der Kindheit in seine Seele gedrungen, als er,

Kolenka, nicht Kolenka, sondern — Vaterbrut genannt wurde! Er hatte sich

geschämt. Später war ihm das Wort »Brut« ganz klar geworden (durch die

Beobachtung des schamlosen Treibens der Haustiere), und — ja, er erinnerte

sich — er hatte geweint; die Schmach seiner Entstehung hatte er dann auf den

Urheber übertragen — den Vater.

Er war oft stundenlang vor dem Spiegel gestanden und beobachtete, wie seine

Ohren wuchsen: sie wuchsen in der Tat.

Da hatte Kolenka begriffen, daß alles, rein alles, was in der Welt lebte, »Brut«

war; daß es keine Menschen gab, sondern daß sie nur »Erzeugnisse« waren;

Apollon Apollonowitsch selbst war nur ein »Erzeugnis«, das heißt eine

unangenehme Summe von Blut, Haut und Fleisch; eine unangenehme, weil die

Haut — schwitzte, das Fleisch verdarb durch Wärme, das Blut aber einen Duft

hatte, der nicht der Duft von Maiveilchen war.

So identifizierte sich die Temperatur seiner Seele mit den unabsehlichen

Eisregionen, etwa der antarktischen Zone; er aber — ein Peery, ein Nansen, ein

Amundsen — kreiste in diesen Eisregionen; oder auch: — seine Seele war zu

blutigem Schlamm geworden (der Mensch ist bekanntlich nichts als in einer

Haut steckender Schlamm).

Eine eigentliche Seele existierte also nicht.

Er hatte sein eigenes Blut gehaßt und nach fremdem gelechzt. So hatte er seit

seiner frühesten Kindheit in sich die Keime der Ungetüme getragen; und als sie

reif wurden, schlüpften sie in vierundzwanzig Stunden hervor und umstanden

ihn als Tatsachen von ungeheuerstem Inhalt. Nikolai Apollonowitsch wurde bei

lebendigem Leibe aufgefressen; er war in die Ungetüme übergeronnen.

Kurz, er war selbst ein Ungetüm geworden.

»Fröschlein!«

»Ungeheuer!«

»Roter Narr!«

Ja, eben: man hatte vor seinen Augen mit Blut gespielt, ihn »Brut« genannt; jetzt lacht der Narr über sein eigenes Blut; nicht der Narr war eine Maske: die