Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 97 von 103

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Petersburg

Achtes und letztes Kapitel

A c h t e s u n d l e t z t e s K a p i t e l

Erst aber . . .

 

Anna Petrowna!

Wir gedachten ihrer gar nicht mehr; sie war ja aber zurückgekehrt; und jetzt

erwartete sie . . . Erst aber . . . —

— diese vierundzwanzig Stunden! —

— diese vierundzwanzig Stunden hatten sich in unserer Erzählung durch die

Seelenräume ausgebreitet wie ein häßlicher Traum; und sie hatten unseren

Gesichtskreis eingeengt; in diesen Seelenräumen hatte sich das Auge des Autors

verloren; es hatte sich für alles andere geschlossen.

So war auch Anna Petrowna verschwunden.

Wie eine schwere, bleierne Wolke zog sich das bleierne Hirnspiel durch den

engen, von uns selbst begrenzten Gesichtskreis — durch die vierundzwanzig

Stunden — hoffnungslos, trostlos, öde! . . .

Doch war die Nachricht von Anna Petrownas Rückkehr in den rauh

dahinflutenden, jeden Heils entbehrenden Geschehnissen wie der Schein eines

milden Lichtes von irgendwoher aufgetaucht. Wir waren da von trauriger

Nachdenklichkeit erfaßt worden — für einen kurzen Augenblick; dann vergaßen

wir es wieder; wir hätten aber daran denken sollen . . . daß Anna Petrowna —

zurückgekehrt war.

Diese vierundzwanzig Stunden! —

— von denen jeder Augenblick in unserer Erzählung voll war von

Geschehnissen.

Doch war die Rückkehr Anna Petrownas eine Tatsache; und sogar eine sehr

wichtige Tatsache; allerdings nicht von der furchtbaren Bedeutung wie die

anderen von uns mitgeteilten Tatsachen.

Aber immerhin . . . —

Anna Petrowna war zurückgekehrt; von all den geschilderten Ereignissen

wußte sie nichts, ahnte nichts von ihnen; es gab nur ein Geschehnis, das sie in

Aufregung hielt: ihre Rückkehr; das müßte auch die geschilderten Personen in

Aufregung versetzen; diese Personen müßten sofort auf das Geschehnis

reagieren; sie mit Zetteln und Briefen überschütten, mit Freude- oder

Zornäußerungen; aber die erwarteten Briefe und Boten blieben aus; von dem

wichtigen Geschehnis nahm niemand Notiz, weder Nikolai Apollonowitsch,

noch Apollon Apollonowitsch.

Anna Petrowna war traurig.

Sie ging nirgends aus; in einem Hotel von feinstem Genre bewohnte sie ein ganz

kleines Zimmer; und Anna Petrowna saß stundenlang auf dem einzigen Stuhl,

der sich hier befand; und Anna Petrowna saß stundenlang, die Augen auf die

Tapete gerichtet; diese Tapete zog immer wieder ihren Blick an; sie übertrug den

Blick auf das Fenster; aber vor dem Fenster erhob sich frech eine Mauer, die alle

möglichen Töne der Olivenfarbe aufwies; an Stelle des Himmels war gelber

Rauch . . .

Kein Brief, kein Besuch: weder vom Gatten, noch vom Sohn.

Von Zeit zu Zeit klingelte sie; es erschien eine leichtfüßige Person mit einer

Schmetterlingshaube auf den Haaren.

Anna Petrowna bestellte — zum wievieltenmal schon!

»Bitte Thé complet, in mein Zimmer.«

Dann erschien ein Diener im Frack mit gestärkter Hemdbrust und glänzend

frischer Halsbinde; das Riesentablett balancierte er, besonders betonend, auf den

fünf Fingerspitzen; er warf einen verächtlichen Blick auf das kleine Zimmer, auf

das wenig schicke Kleid seiner Insassin, auf die bunten spanischen Fetzen, die

unordentlich auf dem breiten Doppelbett herumlagen, auf den etwas

abgetragenen Reisekoffer; wenig ehrerbietig, doch geräuschlos stellte er das

Riesentablett ab; und geräuschlos fiel auf den Tisch der Thé complet nieder.

Geräuschlos entfernte sich der Diener.

Niemand, nichts; immer dieselbe Tapete; dasselbe Lachen aus dem

Nachbarzimmer; die Unterhaltung der zwei Zimmermädchen im Korridor;

irgendwo unten — Klavierspiel (einer zugereisten Pianistin, die für ihr Konzert

heftig übte); der Blick streifte wieder — wie oft schon — das Fenster, aber

hinter dem Fenster starrte eine freche Mauer in olivenfarbigen Tönen; statt der

Sonne gelber Rauch . . .

Plötzlich klopfte es; aus Anna Petrownas Tasse ergoß sich der Tee auf die

schneeweiße Serviette des Tabletts.

Das Zimmermädchen, eine Visitenkarte in der Hand, flog in das Zimmer

herein; Anna Petrowna wurde glühend rot; geräuschvoll erhob sie sich; mit

rascher Bewegung strich sie sich die Haare zurecht: eine Geste, die sie von ihrer

Jugend her beibehalten hatte.

»Wo ist der Herr?«

»Der Herr wartet im Korridor.«

»Ich lasse bitten.«

Sie atmete rasch und wurde wieder rot.

Man hörte Lachen und Geräusch aus dem Nebenzimmer, die Unterhaltung

zweier Zimmermädchen im Korridor, Klavierspiel, irgendwo im unteren Stockwerk; man hörte eilige, rasche, sich dem Zimmer nähernde Schrittchen; die

Tür öffnete sich: Apollon Apollonowitsch Ableuchow stand an der Schwelle.

 

Das erste, was ihm auffiel, war die Ärmlichkeit des Zimmers, so ein Zimmer in

einem erstklassigen Hotel! Na, darüber braucht man sich nicht zu wundern:

solche Zimmer gibt es in allen erstklassigen Hotels der erstklassigen

Hauptstädte, in jedem etwa eins oder höchstens zwei; sie werden aber in allen

Führern annonciert. So lesen Sie z. B. in so einem Führer: »Savoy. Premier

ordre. Chambres depuis 3 fr.« Das bedeutet aber, daß hier ein erträgliches

Zimmer unter fünfzehn Franken nicht zu bekommen ist. Anstandshalber finden

Sie aber hier ein regelmäßig unbewohntes unsauberes Dachzimmer, das mit dem

»depuis trois francs« gemeint war. Wehe, wenn Sie sich entschließen, dieses

halbdunkle, schlecht gelüftete, staubige Zimmer zu nehmen; die Verachtung des

ganzen Hotels, der zahlreichen Zimmermädchen, Lakaien und bedienenden

Knaben ist Ihnen gewiß.

Sie übersiedeln dann in ein nicht erstklassiges Hotel, wo sie für sieben bis acht

Franken Ruhe, Behaglichkeit und Hochachtung genießen.

»Premier ordre — depuis trois francs« — Gott schütze Sie davor!

Bett, Tisch und Stuhl; auf dem Bette, unordentlich hingeworfen, ein

Handtäschchen, Gepäckriemen, ein schwarzer Spitzenfächer, eine kleine

venetianische Vase, über die ein — denken Sie sich nur! — ein Strumpf (aus

reinster Seide) geworfen ist, ein Häufchen zitronengelber, schreiend greller

Seidenfetzen; das alles dürfte, wie Apollon Apollonowitsch bei sich dachte, das

Reisegepäck Anna Petrownas mit Souvenieren aus Granada, Toledo sein; diese

Souveniere mochten früher einmal vielleicht teuer gewesen sein, jetzt aber haben

sie ihren Glanz und Wert durchaus eingebüßt . . .

Die ihr vor kurzem nach Toledo gesandten dreitausend Silberrubel scheinen

sie nicht erreicht zu haben.

In jedem Fall stand es einer Dame von ihrer gesellschaftlichen Stellung nicht

an, mit solchen Fetzen im Gepäck herumzureisen; und — ihm krampfte sich das

Herz zusammen.

Dann erblickte er den Tisch mit dem glänzenden Thé complet, und zwei

schneeweißen Servietten, die, zum Bereich des Hotels gehörend, zufällig

(vielleicht aus Versehen) hierhergebracht wurden. Aus dem Schatten aber trat

eine Silhouette hervor — und zum zweitenmal krampfte sich ihm das Herz

zusammen; denn auf dem Stuhl — nein, nicht auf dem Stuhl! — vor dem Stuhl

erblickte er die sich erhobene — war sie es wirklich? — Anna Petrowna.

— Er erblickte Anna Petrowna; bedeutend behäbiger, dicker und — mit

auffallend vielen Graufäden im Haar. Eine betrübende Tatsache fiel ihm

zu allererst auf: Nach dem zweieinhalbjährigen Aufenthalt in Spanien

(und — wo noch, wo?) hatte sich ihr Doppelkinn erheblich vergrößert

und hing jetzt über den Stehkragen herunter; ebenso vermochte das

Korsett die merkliche Rundung des Leibes nicht zu verbergen; nur das

Himmelblau der Augen in dem früher herrlichen, später noch immer

schönen Gesichtchen hatte seinen Glanz nicht verloren; in ihren Tiefen

spiegelten sich jetzt die kompliziertesten Gefühle: Schüchternheit, Zorn,

Mitgefühl, Stolz, Verlegenheit (wegen der Ärmlichkeit des Zimmers),

verborgene Bitterkeit und . . . Angst.

Apollon Apollonowitsch konnte diesen Blick nicht vertragen, er senkte die

Augen und drehte den Hut in den Händen. Ja, ihre mit dem italienischen

Schauspieler verlebten Jahre hatten sie sehr, sehr verändert; wo ist ihre Strenge,

die angeborene, ihr eigene Würde und Ordnungsliebe; Apollon Apollonowitsch

durchstreifte wieder das Zimmer mit dem Blick; unordentlich lagen da zerstreut:

Täschchen, Tragriemen, ein schwarzer Spitzenfächer, ein Seidenstrumpf und

einige zitronengelbe Lappen, wahrscheinlich spanische.

 

Vor Anna Petrowna stand . . . — war er es wirklich? Auch ihn hatten die

zweieinhalb Jahre verändert; vor zweieinhalb Jahren sah sie zum letztenmal vor

sich ein scharf gemeißeltes Gesicht aus grauem Stein, das sie kalt ansah, dort

neben dem mit Perlmutter inkrustierten Tischchen (bei ihrer letzten

Auseinandersetzung); jeder Zug dieses Gesichts blieb in ihr als eisiger Frost

eingeprägt; dieses Gesicht aber, das sie jetzt vor sich sah, hatte überhaupt keine

Züge mehr.

(Unsererseits fügen wir hinzu: diese Züge waren noch vor kurzem vorhanden;

am Anfang unserer Erzählung hatten wir sie beschrieben.)

Vor zweieinhalb Jahren war Apollon Apollonowitsch wohl schon ein alter

Mann, aber . . . in ihm war etwas . . . Unzeitliches; er war noch immer — ein

Mann; wo war aber jetzt der Staatsmann? Wo war der eiserne Wille, jener

steinerne Blick, aus dem Wirbelstürme, kalte, dem Gehirn (nicht dem Gefühl)

entsprungene, strömten? Wo war der Stein des Blickes? Alles wich vor der

einzigen Tatsache des vorgerückten Alters; der Greis überwog alles andere;

gesellschaftliche Stellung, Willen; auffallend war seine Magerkeit; auffallend

war die Gebeugtheit des Rückens; auffallend war das Zittern des Unterkiefers

und das fast täppische Zittern der Finger; und hauptsächlich — die Farbe des

Mantels: nie, solange sie mit ihm war, hatte er sich Kleider von solcher Farbe

bestellt.

So standen sie einander gegenüber: Apollon Apollonowitsch noch immer an

der Schwelle, Anna Petrowna vor dem Tischchen, in der Hand die zitternde Teetasse, aus der sich die dunkle Flüssigkeit auf die Tischdecke ergoß.

Endlich wandte Apollon Apollonowitsch ihr seinen Kopf zu; er kaute einen

Augenblick mit den Lippen und stotterte dann:

»Anna Petrowna!«

Jetzt sah er sie deutlich (die Augen hatten sich an das Halbdunkel gewöhnt),

und er sah: ihre Züge wurden, für einen Augenblick, wunderbar erhellt; aber

dann verbargen sie sich wieder hinter Fältchen, Verdickungen, Fettpölsterchen;

die klare Schönheit der Kindlichkeit in den Zügen hat der Vergröberung des

Alters nicht standgehalten; für einen Augenblick aber wurde ihr Gesicht

wunderschön; nämlich, als sie mit scharfer Bewegung das Teetablett von sich

schob und ihm, dem Senator, mit einem unmerklichen Ruck gleichsam

entgegenflog; und doch: sie rührte sich nicht vom Platz; von ihrem Platz warf sie

dem Greis, der dort stand und mit den Lippen kaute, nur das eine zu:

»Apollon Apollonowitsch!«

Apollon Apollonowitsch lief ihr entgegen (so war er auch vor zwei Jahren ihr

immer entgegengelaufen, um ihr zwei Finger zu reichen, und, sie rasch

zurückziehend, sie mit Kälte zu übergießen); er lief zu ihr durch das Zimmer, so

wie er gestanden war, im Mantel, mit dem Hut in der Hand; ihr Gesicht neigte

sich gegen die Glatze; der große, wie ein Knie nackte Schädel und die zwei

abstehenden Ohren riefen in ihr eine Erinnerung an etwas wach, und als die

kalten Lippen ihre, vom verschütteten Tee nasse Hand berührten, wich alles

Komplizierte aus ihren Zügen dem eindeutigen Ausdruck der Zufriedenheit:

denken Sie sich — etwas Kindliches hüpfte spielend in ihren noch

schimmernden Augen auf und verbarg sich wieder in ihnen.

Als er nun gerade vor ihr stand, trat seine Gestalt mit ausgesprochener

Deutlichkeit hervor; ein lose am Körper hängendes Höschen, ein Mäntelchen

von früher nie getragener Farbe, eine Menge neuer Fältchen im Gesicht, von

denen zwei das ganze Gesicht durchquerten, und neue, unbekannte Blicke; doch

erschienen ihr diese Augen jetzt nicht mehr wie zwei durchsichtige Steine; es lag

in ihnen eine ihr unbekannte Kraft und Unbeugsamkeit.

Und diese Augen senkten sich; Apollon Apollonowitsch suchte nach Worten:

»Ich kam, um« — er hielt einen Augenblick inne —

— ?

». . . Ihnen meine Aufwartung zu machen . . .«

». . . und Sie zu Ihrer Rückkehr zu beglückwünschen . . .«

Anna Petrowna fing einen verlegenen, etwas erstaunten Blick auf, einen

einfach weichen, mitleidigen Blick von kornblumenblauer Farbe, in dem wie ein

Hauch etwas von Frühlingsluft lag.

Aus dem Nebenzimmer hörte man Lachen und Geräusch; hinter der Tür unterhielten sich noch immer die zwei Zimmermädchen miteinander; unten