Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 28 von 103

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Petersburg

Es ruft mich mein geliebter Delwig

Petersburg ist von einem Ring vielschlotiger Fabriken umgeben; die Vorstadt

ist wie ein Ameisenhaufen belebt. Zu jener Zeit waren alle in den Fabriken

höchst aufgeregt; und die Anführer der Haufen wurden alle zu redseligen

Subjekten; es zirkulierte unter ihnen der Browning; und noch etwas. Die

üblichen Schwärme wuchsen in jenen Tagen unmäßig an und verdichteten sich

zu vielköpfiger, vielstimmiger, riesenhafter Schwärze; und griff ein

Fabrikinspektor nach dem Telephonrohr, so wußte man schon: gleich wird ein

Steinhagel aus der Menge zu den Fenstern fliegen.

Petersburg selbst blieb unverändert; nur ein einziges Mal zogen Scharen von

Menschen, von Geistlichen gefolgt, über den Newskij-Prospekt: man trug den

Sarg eines Professors; voran wälzte sich ein Meer von Grün; blutrote

Atlasbänder wehten in der Luft.

Es war eine neblige, sonderbare Zeit; mit frostigen Fersen schritt der Oktober

durchs Land; frostiger Staub flog in braunen Stürmen durch die Stadt; und

ergeben legte sich das goldene Blättergeflüster auf die Wege des Sommergartens,

ergeben legte sich das raschelnde Laub zu den Füßen der Passanten, um, vor

ihnen herjagend, an ihren Füßen hängenzubleiben; raunend flocht es gelbrote

Worte aus Blätterbüscheln; das Meisengepiepse, das den ganzen August in den

Laubwellen gebadet hatte, badete längst nicht mehr in den Wellen des Laubes;

und die Meise im Sommergarten hüpfte verwaist im Netz der trockenen Zweige

umher, hüpfte auf dem bronzenen Gitter und flog auf das Dach über dem

Häuschen Peters des Großen.

So waren die Tage. Die Nächte aber — — Bist du schon nachts einmal

gewandert, befandest du dich da in einem entlegenen Vorstadtgehölz, und hast

du da die aufdringlichen, schreckenden U-Laute vernommen? »Uuuu — uuuu —

uuuu«: so tönte es in der Ferne; war es überhaupt ein Laut? Wenn’s aber ein Laut

war, so kam er sicher aus einer anderen Welt; von seltener Stärke und Klarheit:

»Uuuu — uuuu — uuuu«, tönte es in den Vorstädten von Moskau, Petersburg,

Saratow; doch die Fabrikpfeife hatte geschwiegen, der Sturm hatte nicht

gepfiffen, und stumm war der Haushund geblieben.

Hörtest auch du einmal das Oktoberlied von neunzehnhundertundfünf? Ein

solches Lied hatte es vorher nicht gegeben; ein solches Lied wird es nicht mehr

geben: nie mehr.

 

Es ruft mich mein geliebter Delwig Über die Stufen des Amtsgebäudes schreitend, sich mit der Hand an des

Geländers kalten Marmor stützend, blieb Apollon Apollonowitsch mit der

Fußspitze an dem Plüschläufer hängen und — stolperte; unwillkürlich

verlangsamte sich sein Schritt; da geschah es, daß seine Augen eine Zeitlang an

dem Riesenporträt des Ministers hafteten, der mit traurigem und mitleidigem

Blick vor sich hin sah.

Das Rückgrat Apollon Apollonowitschs durchzog eine Frostwelle: das

Gebäude war wenig geheizt. Wie eine Ebene schien Apollon Apollonowitsch der

weiße, ausgedehnte Raum.

Er hatte Angst vor dieser Weite. Der Raum ängstigte ihn noch mehr als der

Zickzack oder die gebrochene Linie; eine Dorflandschaft war ihm ein

Schrecken: dort hinter Schnee und Eis, hinter der gewundenen Linie des

Waldsaums, in der sich kreuzende Luftströme im Schneesturm rasen, dort wäre

er einst einmal, einem Zufall zufolge, beinahe erfroren.

Es geschah vor fast fünfzig Jahren.

In jener damaligen Stunde des einsamen Erfrierens hatte er gefühlt, wie kalte

Finger seine Brust durchbohrten und grausam streichelnd sein Herz berührten;

jene frostige Hand geleitete ihn dann weiter; jener frostigen Hand folgte er in

seiner Karriere, vor Augen immer die unheilvolle, unmögliche Ausdehnung;

dort, von dort winkte immer die frostige Hand; von dort gähnte ihm entgegen —

die Un—Unermeßlichkeit: Russisches Reich.

Ja: nun zum Porträt des Ministers . . . Öfters hatte er diesem gesagt:

»Rußland ist eine eisige Ebene, in welcher sich seit Hunderten von Jahren

Wölfe umhertreiben . . .«

Der Minister hatte ihn mit samtweichem, liebkosendem Blick angesehen; mit

der weißen Hand den gepflegten, grauen Schnurrbart streichelnd, schwieg er und

seufzte. Der Minister hatte seine Ämter als ein qualvolles, opferheischend

drückendes Kreuz getragen; er trug sich mit dem Gedanken, nach Beendigung

des Dienstes . . .

Aber er starb.

Jetzt ruhte er im Grabe, und Apollon Apollonowitsch Ableuchow war nun

ganz allein; hinter ihm verloren sich die Jahrhunderte, in der Un—ermeßlichkeit;

vor ihm zeigte eine frostige Hand in die Un—ermeßlichkeit.

Un—ermeßlichkeiten flogen ihm entgegen.

Rußland, Rußland, dich sah er, dich!

Du bist es, das durch Wind, Sturm, Schnee und Regen heulte; heulte durch

Millionen lebendiger, beschwörender Stimmen! Es schien in diesem Augenblick

dem Senator, als riefe eine Stimme aus einem einsamen Grab, in unbestimmter Weite nach ihm; es wiegte sich dorten kein einsames Kreuz; es winkte von dort