Petersburg
Es ruft mich mein geliebter Delwig
Petersburg ist von einem Ring vielschlotiger Fabriken umgeben; die Vorstadt
ist wie ein Ameisenhaufen belebt. Zu jener Zeit waren alle in den Fabriken
höchst aufgeregt; und die Anführer der Haufen wurden alle zu redseligen
Subjekten; es zirkulierte unter ihnen der Browning; und noch etwas. Die
üblichen Schwärme wuchsen in jenen Tagen unmäßig an und verdichteten sich
zu vielköpfiger, vielstimmiger, riesenhafter Schwärze; und griff ein
Fabrikinspektor nach dem Telephonrohr, so wußte man schon: gleich wird ein
Steinhagel aus der Menge zu den Fenstern fliegen.
Petersburg selbst blieb unverändert; nur ein einziges Mal zogen Scharen von
Menschen, von Geistlichen gefolgt, über den Newskij-Prospekt: man trug den
Sarg eines Professors; voran wälzte sich ein Meer von Grün; blutrote
Atlasbänder wehten in der Luft.
Es war eine neblige, sonderbare Zeit; mit frostigen Fersen schritt der Oktober
durchs Land; frostiger Staub flog in braunen Stürmen durch die Stadt; und
ergeben legte sich das goldene Blättergeflüster auf die Wege des Sommergartens,
ergeben legte sich das raschelnde Laub zu den Füßen der Passanten, um, vor
ihnen herjagend, an ihren Füßen hängenzubleiben; raunend flocht es gelbrote
Worte aus Blätterbüscheln; das Meisengepiepse, das den ganzen August in den
Laubwellen gebadet hatte, badete längst nicht mehr in den Wellen des Laubes;
und die Meise im Sommergarten hüpfte verwaist im Netz der trockenen Zweige
umher, hüpfte auf dem bronzenen Gitter und flog auf das Dach über dem
Häuschen Peters des Großen.
So waren die Tage. Die Nächte aber — — Bist du schon nachts einmal
gewandert, befandest du dich da in einem entlegenen Vorstadtgehölz, und hast
du da die aufdringlichen, schreckenden U-Laute vernommen? »Uuuu — uuuu —
uuuu«: so tönte es in der Ferne; war es überhaupt ein Laut? Wenn’s aber ein Laut
war, so kam er sicher aus einer anderen Welt; von seltener Stärke und Klarheit:
»Uuuu — uuuu — uuuu«, tönte es in den Vorstädten von Moskau, Petersburg,
Saratow; doch die Fabrikpfeife hatte geschwiegen, der Sturm hatte nicht
gepfiffen, und stumm war der Haushund geblieben.
Hörtest auch du einmal das Oktoberlied von neunzehnhundertundfünf? Ein
solches Lied hatte es vorher nicht gegeben; ein solches Lied wird es nicht mehr
geben: nie mehr.
Es ruft mich mein geliebter Delwig Über die Stufen des Amtsgebäudes schreitend, sich mit der Hand an des
Geländers kalten Marmor stützend, blieb Apollon Apollonowitsch mit der
Fußspitze an dem Plüschläufer hängen und — stolperte; unwillkürlich
verlangsamte sich sein Schritt; da geschah es, daß seine Augen eine Zeitlang an
dem Riesenporträt des Ministers hafteten, der mit traurigem und mitleidigem
Blick vor sich hin sah.
Das Rückgrat Apollon Apollonowitschs durchzog eine Frostwelle: das
Gebäude war wenig geheizt. Wie eine Ebene schien Apollon Apollonowitsch der
weiße, ausgedehnte Raum.
Er hatte Angst vor dieser Weite. Der Raum ängstigte ihn noch mehr als der
Zickzack oder die gebrochene Linie; eine Dorflandschaft war ihm ein
Schrecken: dort hinter Schnee und Eis, hinter der gewundenen Linie des
Waldsaums, in der sich kreuzende Luftströme im Schneesturm rasen, dort wäre
er einst einmal, einem Zufall zufolge, beinahe erfroren.
Es geschah vor fast fünfzig Jahren.
In jener damaligen Stunde des einsamen Erfrierens hatte er gefühlt, wie kalte
Finger seine Brust durchbohrten und grausam streichelnd sein Herz berührten;
jene frostige Hand geleitete ihn dann weiter; jener frostigen Hand folgte er in
seiner Karriere, vor Augen immer die unheilvolle, unmögliche Ausdehnung;
dort, von dort winkte immer die frostige Hand; von dort gähnte ihm entgegen —
die Un—Unermeßlichkeit: Russisches Reich.
Ja: nun zum Porträt des Ministers . . . Öfters hatte er diesem gesagt:
»Rußland ist eine eisige Ebene, in welcher sich seit Hunderten von Jahren
Wölfe umhertreiben . . .«
Der Minister hatte ihn mit samtweichem, liebkosendem Blick angesehen; mit
der weißen Hand den gepflegten, grauen Schnurrbart streichelnd, schwieg er und
seufzte. Der Minister hatte seine Ämter als ein qualvolles, opferheischend
drückendes Kreuz getragen; er trug sich mit dem Gedanken, nach Beendigung
des Dienstes . . .
Aber er starb.
Jetzt ruhte er im Grabe, und Apollon Apollonowitsch Ableuchow war nun
ganz allein; hinter ihm verloren sich die Jahrhunderte, in der Un—ermeßlichkeit;
vor ihm zeigte eine frostige Hand in die Un—ermeßlichkeit.
Un—ermeßlichkeiten flogen ihm entgegen.
Rußland, Rußland, dich sah er, dich!
Du bist es, das durch Wind, Sturm, Schnee und Regen heulte; heulte durch
Millionen lebendiger, beschwörender Stimmen! Es schien in diesem Augenblick
dem Senator, als riefe eine Stimme aus einem einsamen Grab, in unbestimmter Weite nach ihm; es wiegte sich dorten kein einsames Kreuz; es winkte von dort