Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 98 von 103

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Petersburg

Das Spielzeug

klang Klavierspiel; unordentlich lagen zerstreut: Gepäckriemen, Handtäschchen,

ein schwarzer Spitzenfächer, eine kleine venezianische Vase und ein Stück

Seidenstoff von schreiend zitronengelber Farbe, der sich als eine Bluse

entpuppte; hinter dem Fenster war statt des Himmels gelber Rauch, und in

diesem gelben Rauch lag Petersburg: Straßen und Prospekte; Trottoire und

Dächer; das Blech vor dem Fenster war mit gefrorenem Reif bedeckt; ein kalter

Wasserstrahl rieselte aus der Dachrinne.

»Und bei uns . . .«

»Darf ich Ihnen Tee anbieten? . . .«

»Bei uns steht ein Generalstreik bevor . . .«

 

Das Spielzeug

 

Die Tür ging auf.

Nikolai Apollonowitsch trat in das Vestibül, dessen Wände mit alten Waffen

geschmückt waren; Nikolai Apollonowitsch sah höchst desperat aus; er riß sich

seinen breiten italienischen Hut vom Kopfe; die Fülle flachsweißer Haare gab

dem Gesicht mit dem kalten, ja rauhen Ausdruck, in dem sich angeborener

Starrsinn ausprägte, einen etwas milderen Schimmer (selten begegnet man

solchen Haaren bei Erwachsenen; diese Nüance findet man nur bei

Bauernkindern, besonders in Weißrußland); kalt, trocken, deutlich zeichneten

sich die Linien des weißen Gesichtes, als er nachdenklich einen Moment lang

vor sich hinsah, und es ähnelte den Gesichtern auf den Heiligenbildern.

Auf einmal übergoß es sich mit Röte; und er flog rasch, ein wenig hinkend,

den nassen zerdrückten Überwurf über den Schultern, die teppichbelegten Stufen

hinauf. Er hüstelte; er — keuchte; er zitterte, als hätte er Fieber: gewiß, man

steht nicht ungestraft stundenlang im Regen; seltsam genug sah er aus: hinkend,

mit gekrümmtem Rücken und in einem Rock, dessen eine Schoßhälfte fehlte.

Er schlüpfte durch die Tür mit dem fein geschliffenen Glasgriff; und die

glänzend lackierten Zimmer, an denen er vorbeilief, schienen ihm nur eine

Halluzination, die spurlos zerrann, indem sie hinter der Grenze seines

Bewußtseins neblige Flächen breitete; und als seine Schuhe im Korridor laut zu

tönen begannen, schien es ihm, als klopften seine Adern laut an die Schläfen;

das rasche Pulsieren dieser Adern sprach deutlich von frühzeitiger Sklerose.

Innerlich ganz aufgewühlt, trat er in sein buntes Zimmer ein; die kleinen

grünen Papageie im Käfig erhoben ein wildes Kreischen und begannen mit den Flügeln zu schlagen; das hemmte seinen eiligen Schritt; er blieb stehen und sah

um sich; er erblickte den bunten Leoparden, der mit weitaufgerissenem Rachen

zu seinen Füßen lag; dann aber — begann er in seinen Taschen herumzusuchen

(er suchte den Schreibtischschlüssel).

»Ha? . . .«

»Aber zum Teufel . . .«

»Verloren?«

»Dagelassen? . . .«

»Ist’s möglich! . . .«

Er rannte hilflos durchs Zimmer hin und her und suchte den vergessenen

Schlüssel, er untersuchte die für diesen Zweck unpassendsten Gegenstände, hob

den schweren Rauchapparat, die goldene Kugel mit dem Halbmond oben, vom

Platz, und redete dabei immerzu mit sich selbst. Ganz erschrocken lief er in das

zweite Zimmer — an den Schreibtisch; unterwegs warf er das arabische, mit

Elfenbein eingelegte Taburett um; mit lautem Krachen stieß es auf den Boden;

erstaunt sah er, daß der Schreibtisch gar nicht abgesperrt war; die verräterische

Schublade stand zur Hälfte offen; ihm blieb das Herz stehen: wie hatte er es nur

unterlassen können, die Schublade abzusperren? Er zog sie weiter heraus . . . und

— und — und . . .

Sie war nicht da! Nein, sie war nicht da!

In der Schublade war alles durcheinandergeworfen; die große Photographie,

die sich darin befunden hatte, lag achtlos hingeworfen auf der Tischplatte; und

. . . die Sardinenbüchse war — verschwunden; wütend, erschreckt, mit dem

Ausdruck der Verzweiflung wiegte sich über der Schublade das rotglühende

Gesicht mit den von dunklem Blau umrahmten, großen Augen, die plötzlich

schwarz wurden; schwarz — durch die erweiterten Pupillen; so stand er

zwischen dem Lehnstuhl und der Büste: des Kant natürlich.

Er lief an den zweiten Tisch; öffnete auch da die Schubladen, doch hier lag

alles in bester Ordnung: Briefe, Papiere; er schleuderte alles heraus auf den

Tisch, doch die Sardinenbüchse . . . die war nicht da . . . Seine Beine begannen

zu zittern; er kniete nieder, und sein heißer Kopf fiel auf seine kalten, vom

Regen noch feuchten Hände; so erstarb er für einen Augenblick; die

flachsweißen Haare hoben sich wie ein toter, gelber Fleck ab von dem grünen

Fond des Möbelstoffes, im Halbdunkel der Dämmerung.

Er sprang auf! Im Nu war er beim Schrank! Der Schrank wurde aufgerissen;

ein Gegenstand nach dem anderen flog auf den Teppich; aber auch da befand

sich die — Sardinenbüchse nicht; wie ein Wirbelwind fuhr er im Zimmer umher;

durch die Heftigkeit seiner Bewegungen, (ähnlich denen seines exzellenten

Vaters) und die Kleinheit seines Wuchses erinnerte er sehr an einen flinken Affen. In der Tat: das Schicksal hat ihm einen bösen Streich gespielt; er rannte

aus einem Zimmer in das andere; vom Bett (wo er unter den Kissen, unter der

Decke, unter der Matratze suchte) lief er zum Kamin: hier beschmierte er sich

die Hände mit Asche; vom Kamin eilte er wieder zu den Bücherregalen (mit

leichtem Knistern glitten die seidenen Vorhänge auf ihren kleinen Messingringen

zur Seite); er untersuchte die Bücherreihen und mancher Band, flog mit

rasselndem Gepolter zu Boden.

Doch die Sardinenbüchse war nirgends zu finden, nirgends.

Bald saß er kauernd, das Gesicht mit Asche und Staub bedeckt, vor einem auf

dem Boden aufgestapelten Haufen aller möglicher Gegenstände, die er mit

seinen langen, schlanken, spinnenfühlerähnlichen Fingern nacheinander

berührte.

In dieser Pose wurde er vom hereingestürmten Ssemjonytsch überrascht:

»Nikolai Apollonowitsch! . . . Gnädiger junger Herr! . . .«

Nikolai Apollonowitsch wandte sich um, noch immer kauernd; mit

unwillkürlicher Bewegung breitete er beim Eintritt des Dieners seinen

italienischen Überwurf über den Haufen und sah aus wie eine auf den Eiern

sitzende Henne: seltsam tot und unbeweglich hoben sich die flachsweißen

Haare, wie ein gelber Fleck vom Halbdunkel der Umgebung ab.

»Was ist?«

»Ich gestatte mir . . .«

»Lassen Sie mich, Sie sehen, daß ich beschäftigt bin . . .«

Mit dem weitausgezogenen Mund ähnelte er dem Leoparden, der mit offenem

Rachen bewegungslos auf dem Boden lag.

»Ich muß meine Bücher ordnen . . .«

Doch Ssemjonytsch ließ sich nicht abschrecken:

»Sie werden gebeten . . . Sie werden in den Salon gerufen . . .«

— ?

»Eine Familienfreude: Unsere gnädige Frau, Mütterchen Anna Petrowna,

geruhte selbst zu erscheinen.«

Nikolai Apollonowitsch erhob sich mechanisch; auf seinem mit Staub und

Asche bedeckten Gesicht entzündete sich blitzartig schnell eine Röte; er begann

plötzlich zu husten, und heiser durch das Husten rief er:

»Was, Mama? Anna Petrowna?«

»Mit Apollon Apollonowitsch geruht sie dort im Salon zu sitzen . . . Gerade

sind sie . . .«

»Wurde ich gerufen?«

»Apollon Apollonowitsch läßt bitten . . .«

»Sofort . . . Ich komme sofort . . . Nur noch das hier . . .«

Kaum war Ssemjonytsch aus der Tür, da erhob sich Nikolai Apollonowitsch

vom Boden, holte mit ein paar behenden Sprüngen den Alten ein und erfaßte

seinen Ärmel:

»Tsss! . . . Ssemjonytsch — hören Sie mal« — Nikolai Apollonowitsch hielt

den alten Diener beim Ärmel fest:

»Haben Sie nicht . . . Ja, es handelt sich darum . . .« er wurde verwirrt und

zog, den Alten näher in das Zimmer, »Haben Sie nicht so einen Gegenstand hier

gesehen? Hier im Zimmer . . . So einen Gegenstand — ein Spielzeug . . .«

»Ein Spielzeug? . . .«

»Ein Kinderspielzeug . . . Eine Sardinenbüchse . . .«

»Eine Sardinenbüchse?«

»Ja, ein Spielzeug, das wie eine Sardinenbüchse aussah — schwer, mit einem

Uhrwerk: es tickte noch so darin . . . Ich habe es, das Spielzeug, in die Lade . . .«

Ssemjonytsch drehte sich langsam um, befreite seinen Ärmel von den sich

darin eingehakten Fingern, sah einen Augenblick lang starr die

gegenüberliegende Wand an, dachte nach und stieß dann etwas unehrerbietig

schroff hervor:

»Nein!«

Einfach nein! — . . .

»Und ich hatte gedacht . . .«

Sehe mal einer her: so ein Ereignis, eine Freude; selbst der gnädige Herr, der

Minister, leuchtet vor Freude . . . Und der da: eine Sardinenbüchse . . . mit

Uhrwerk . . . ein Spielzeug! Selbst mit abgerissenem Rockschoß . . .

»Soll ich also melden’?«

»Ich komme sofort, sofort . . .«

Nikolai Apollonowitsch schloß die Tür und stand da, ohne zu wissen wo er

sich befand.

Ebenso ohne zu wissen was er tat, zog er den verräterischen Rock aus und

vertauschte ihn mit einem anderen, ganz neuen; vorher wusch er sich den Staub

und die Asche von Gesicht und Händen. Während er sich wusch und ankleidete

dachte er immerzu:

»Was ist das nun, was ist das nun . . . Wohin konnte ich sie nur verlegt haben

. . .«

Nikolai Apollonowitsch war sich noch nicht ganz bewußt, welchen Schrecken

das plötzliche Verschwinden der Sardinenbüchse eigentlich in sich barg; es war

ihm bisher noch nicht eingefallen, daß — während seiner Abwesenheit jemand

in seinem Zimmer gewesen sein, die Sardinenbüchse entdeckt und sie

vorsorglich mitgenommen haben konnte.