Petersburg
Das Spielzeug
klang Klavierspiel; unordentlich lagen zerstreut: Gepäckriemen, Handtäschchen,
ein schwarzer Spitzenfächer, eine kleine venezianische Vase und ein Stück
Seidenstoff von schreiend zitronengelber Farbe, der sich als eine Bluse
entpuppte; hinter dem Fenster war statt des Himmels gelber Rauch, und in
diesem gelben Rauch lag Petersburg: Straßen und Prospekte; Trottoire und
Dächer; das Blech vor dem Fenster war mit gefrorenem Reif bedeckt; ein kalter
Wasserstrahl rieselte aus der Dachrinne.
»Und bei uns . . .«
»Darf ich Ihnen Tee anbieten? . . .«
»Bei uns steht ein Generalstreik bevor . . .«
Das Spielzeug
Die Tür ging auf.
Nikolai Apollonowitsch trat in das Vestibül, dessen Wände mit alten Waffen
geschmückt waren; Nikolai Apollonowitsch sah höchst desperat aus; er riß sich
seinen breiten italienischen Hut vom Kopfe; die Fülle flachsweißer Haare gab
dem Gesicht mit dem kalten, ja rauhen Ausdruck, in dem sich angeborener
Starrsinn ausprägte, einen etwas milderen Schimmer (selten begegnet man
solchen Haaren bei Erwachsenen; diese Nüance findet man nur bei
Bauernkindern, besonders in Weißrußland); kalt, trocken, deutlich zeichneten
sich die Linien des weißen Gesichtes, als er nachdenklich einen Moment lang
vor sich hinsah, und es ähnelte den Gesichtern auf den Heiligenbildern.
Auf einmal übergoß es sich mit Röte; und er flog rasch, ein wenig hinkend,
den nassen zerdrückten Überwurf über den Schultern, die teppichbelegten Stufen
hinauf. Er hüstelte; er — keuchte; er zitterte, als hätte er Fieber: gewiß, man
steht nicht ungestraft stundenlang im Regen; seltsam genug sah er aus: hinkend,
mit gekrümmtem Rücken und in einem Rock, dessen eine Schoßhälfte fehlte.
Er schlüpfte durch die Tür mit dem fein geschliffenen Glasgriff; und die
glänzend lackierten Zimmer, an denen er vorbeilief, schienen ihm nur eine
Halluzination, die spurlos zerrann, indem sie hinter der Grenze seines
Bewußtseins neblige Flächen breitete; und als seine Schuhe im Korridor laut zu
tönen begannen, schien es ihm, als klopften seine Adern laut an die Schläfen;
das rasche Pulsieren dieser Adern sprach deutlich von frühzeitiger Sklerose.
Innerlich ganz aufgewühlt, trat er in sein buntes Zimmer ein; die kleinen
grünen Papageie im Käfig erhoben ein wildes Kreischen und begannen mit den Flügeln zu schlagen; das hemmte seinen eiligen Schritt; er blieb stehen und sah
um sich; er erblickte den bunten Leoparden, der mit weitaufgerissenem Rachen
zu seinen Füßen lag; dann aber — begann er in seinen Taschen herumzusuchen
(er suchte den Schreibtischschlüssel).
»Ha? . . .«
»Aber zum Teufel . . .«
»Verloren?«
»Dagelassen? . . .«
»Ist’s möglich! . . .«
Er rannte hilflos durchs Zimmer hin und her und suchte den vergessenen
Schlüssel, er untersuchte die für diesen Zweck unpassendsten Gegenstände, hob
den schweren Rauchapparat, die goldene Kugel mit dem Halbmond oben, vom
Platz, und redete dabei immerzu mit sich selbst. Ganz erschrocken lief er in das
zweite Zimmer — an den Schreibtisch; unterwegs warf er das arabische, mit
Elfenbein eingelegte Taburett um; mit lautem Krachen stieß es auf den Boden;
erstaunt sah er, daß der Schreibtisch gar nicht abgesperrt war; die verräterische
Schublade stand zur Hälfte offen; ihm blieb das Herz stehen: wie hatte er es nur
unterlassen können, die Schublade abzusperren? Er zog sie weiter heraus . . . und
— und — und . . .
Sie war nicht da! Nein, sie war nicht da!
In der Schublade war alles durcheinandergeworfen; die große Photographie,
die sich darin befunden hatte, lag achtlos hingeworfen auf der Tischplatte; und
. . . die Sardinenbüchse war — verschwunden; wütend, erschreckt, mit dem
Ausdruck der Verzweiflung wiegte sich über der Schublade das rotglühende
Gesicht mit den von dunklem Blau umrahmten, großen Augen, die plötzlich
schwarz wurden; schwarz — durch die erweiterten Pupillen; so stand er
zwischen dem Lehnstuhl und der Büste: des Kant natürlich.
Er lief an den zweiten Tisch; öffnete auch da die Schubladen, doch hier lag
alles in bester Ordnung: Briefe, Papiere; er schleuderte alles heraus auf den
Tisch, doch die Sardinenbüchse . . . die war nicht da . . . Seine Beine begannen
zu zittern; er kniete nieder, und sein heißer Kopf fiel auf seine kalten, vom
Regen noch feuchten Hände; so erstarb er für einen Augenblick; die
flachsweißen Haare hoben sich wie ein toter, gelber Fleck ab von dem grünen
Fond des Möbelstoffes, im Halbdunkel der Dämmerung.
Er sprang auf! Im Nu war er beim Schrank! Der Schrank wurde aufgerissen;
ein Gegenstand nach dem anderen flog auf den Teppich; aber auch da befand
sich die — Sardinenbüchse nicht; wie ein Wirbelwind fuhr er im Zimmer umher;
durch die Heftigkeit seiner Bewegungen, (ähnlich denen seines exzellenten
Vaters) und die Kleinheit seines Wuchses erinnerte er sehr an einen flinken Affen. In der Tat: das Schicksal hat ihm einen bösen Streich gespielt; er rannte
aus einem Zimmer in das andere; vom Bett (wo er unter den Kissen, unter der
Decke, unter der Matratze suchte) lief er zum Kamin: hier beschmierte er sich
die Hände mit Asche; vom Kamin eilte er wieder zu den Bücherregalen (mit
leichtem Knistern glitten die seidenen Vorhänge auf ihren kleinen Messingringen
zur Seite); er untersuchte die Bücherreihen und mancher Band, flog mit
rasselndem Gepolter zu Boden.
Doch die Sardinenbüchse war nirgends zu finden, nirgends.
Bald saß er kauernd, das Gesicht mit Asche und Staub bedeckt, vor einem auf
dem Boden aufgestapelten Haufen aller möglicher Gegenstände, die er mit
seinen langen, schlanken, spinnenfühlerähnlichen Fingern nacheinander
berührte.
In dieser Pose wurde er vom hereingestürmten Ssemjonytsch überrascht:
»Nikolai Apollonowitsch! . . . Gnädiger junger Herr! . . .«
Nikolai Apollonowitsch wandte sich um, noch immer kauernd; mit
unwillkürlicher Bewegung breitete er beim Eintritt des Dieners seinen
italienischen Überwurf über den Haufen und sah aus wie eine auf den Eiern
sitzende Henne: seltsam tot und unbeweglich hoben sich die flachsweißen
Haare, wie ein gelber Fleck vom Halbdunkel der Umgebung ab.
»Was ist?«
»Ich gestatte mir . . .«
»Lassen Sie mich, Sie sehen, daß ich beschäftigt bin . . .«
Mit dem weitausgezogenen Mund ähnelte er dem Leoparden, der mit offenem
Rachen bewegungslos auf dem Boden lag.
»Ich muß meine Bücher ordnen . . .«
Doch Ssemjonytsch ließ sich nicht abschrecken:
»Sie werden gebeten . . . Sie werden in den Salon gerufen . . .«
— ?
»Eine Familienfreude: Unsere gnädige Frau, Mütterchen Anna Petrowna,
geruhte selbst zu erscheinen.«
Nikolai Apollonowitsch erhob sich mechanisch; auf seinem mit Staub und
Asche bedeckten Gesicht entzündete sich blitzartig schnell eine Röte; er begann
plötzlich zu husten, und heiser durch das Husten rief er:
»Was, Mama? Anna Petrowna?«
»Mit Apollon Apollonowitsch geruht sie dort im Salon zu sitzen . . . Gerade
sind sie . . .«
»Wurde ich gerufen?«
»Apollon Apollonowitsch läßt bitten . . .«
»Sofort . . . Ich komme sofort . . . Nur noch das hier . . .«
Kaum war Ssemjonytsch aus der Tür, da erhob sich Nikolai Apollonowitsch
vom Boden, holte mit ein paar behenden Sprüngen den Alten ein und erfaßte
seinen Ärmel:
»Tsss! . . . Ssemjonytsch — hören Sie mal« — Nikolai Apollonowitsch hielt
den alten Diener beim Ärmel fest:
»Haben Sie nicht . . . Ja, es handelt sich darum . . .« er wurde verwirrt und
zog, den Alten näher in das Zimmer, »Haben Sie nicht so einen Gegenstand hier
gesehen? Hier im Zimmer . . . So einen Gegenstand — ein Spielzeug . . .«
»Ein Spielzeug? . . .«
»Ein Kinderspielzeug . . . Eine Sardinenbüchse . . .«
»Eine Sardinenbüchse?«
»Ja, ein Spielzeug, das wie eine Sardinenbüchse aussah — schwer, mit einem
Uhrwerk: es tickte noch so darin . . . Ich habe es, das Spielzeug, in die Lade . . .«
Ssemjonytsch drehte sich langsam um, befreite seinen Ärmel von den sich
darin eingehakten Fingern, sah einen Augenblick lang starr die
gegenüberliegende Wand an, dachte nach und stieß dann etwas unehrerbietig
schroff hervor:
»Nein!«
Einfach nein! — . . .
»Und ich hatte gedacht . . .«
Sehe mal einer her: so ein Ereignis, eine Freude; selbst der gnädige Herr, der
Minister, leuchtet vor Freude . . . Und der da: eine Sardinenbüchse . . . mit
Uhrwerk . . . ein Spielzeug! Selbst mit abgerissenem Rockschoß . . .
»Soll ich also melden’?«
»Ich komme sofort, sofort . . .«
Nikolai Apollonowitsch schloß die Tür und stand da, ohne zu wissen wo er
sich befand.
Ebenso ohne zu wissen was er tat, zog er den verräterischen Rock aus und
vertauschte ihn mit einem anderen, ganz neuen; vorher wusch er sich den Staub
und die Asche von Gesicht und Händen. Während er sich wusch und ankleidete
dachte er immerzu:
»Was ist das nun, was ist das nun . . . Wohin konnte ich sie nur verlegt haben
. . .«
Nikolai Apollonowitsch war sich noch nicht ganz bewußt, welchen Schrecken
das plötzliche Verschwinden der Sardinenbüchse eigentlich in sich barg; es war
ihm bisher noch nicht eingefallen, daß — während seiner Abwesenheit jemand
in seinem Zimmer gewesen sein, die Sardinenbüchse entdeckt und sie
vorsorglich mitgenommen haben konnte.