Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 100 von 152

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Semmering 1912

Fahrt

 

Ich bin nicht gereist, ich weiß bis heute es nicht, wie ein Schlafwagen

ausschaut, verstehe nichts davon, daß man nachts in seinem Bett, auf einem

Kopfpolster, unter einer Decke und mit anderen nützlichen und bequemen

Utensilien, durch die Welt getragen wird und morgens, ganz ausgeruht, irgendwo

sich befindet, wo man, mit Respekt zu melden, noch niemals auch nur annähernd

gewesen ist. Nun brachte man mich an einem frischen Julimorgen, per

Automobil, 70 Kilometer die Stunde, nach Wiener-Neustadt. Alle Wiesen

begossen uns fortwährend mit ihren Parfüms. Wind und Duft, das allein spürte

man. Lioschka sagte nur einmal: „Wenn etwas geschieht, gehen die Splitter der

Autobrille vorerst in die Augen und zerreißen sie!“ Dann nahm sie langsam die

Autobrille ab. Dann sagte sie: „Ihre geliebten weißen Kartoffelblütenfelder!

Früher habe ich mich nicht getraut, sie schön zu finden! Es hätte sich auch nicht

für mich geschickt!“ Dann sagte sie: „Haben Sie auch den roten Mohn in den

Wiesen gern, obzwar es ein Unkraut ist und schädlich für die armen Kühe?!“

Ich berührte leise ihre Hand in den hellbraunen Rehlederhandschuhen. In

Wiener-Neustadt setzte man mich ab. Gerade fiel einer von einem Gerüste, brach

sich das Genick. Ich kaufte mir Bergblumenansichtskarten und fünffarbige

Hülsen für Bleistifte. Ich ließ mir ein Zimmer aufsperren im Hotel neben dem

Bahnhof, um zu schlafen. Alle Bediensteten waren wie besorgte

Kindermädchen, obzwar ich nicht nach „reichlichem Trinkgeld“ aussah. Aber

der Schein trügt. Das ist vielleicht die letzte Philosophie dieser dienenden

Menschen.

Er ist vielleicht doch ein reicher Narr! Das letztere stimmte. Man brachte

mir alles, das heißt zehn Flaschen Pilsner Bier. Das ist doch alles! Ja und einen

Roßhaarpolster. Wenn ich nur wüßte, weshalb man noch nicht auf polierten

Granitsteinen schläft?! Diese Eiderdaunen aus zusammengedrückter Watte sind

doch nur für die „Prinzessinnen in den Kindermärchen“! Wir Erwachsenen

wollen hart schlafen, wie die Kaiser in ihren einfachen Feldbetten im Kriege.

Amen.

Ich erwachte und fuhr sogleich auf den Semmering zurück. Aus dem Dunst

ins Gebirge. In Pottschach stieg eine ein, in einem braungrün schillernden seidenen Bauernkostüme. Die hatte ein Gesicht wie eine 14jährige Eleonora

Duse. Aber in Payerbach stieg sie wieder aus. Sie sah meinen Blick nicht voll

Trauer und Verzweiflung. Besser für sie und mich. Vielleicht hätte sie gedacht:

„Alter Hund!“ Die Lokomotive „pustete“, wie man zu sagen pflegt, in die

Bergweltkurven hinauf. Man glaubt immer, daß sie es nicht überwältigen wird.

Aber das ist ein laienhafter Irrtum. Sie ist dazu geschaffen, konstruiert und

ausprobiert. Gerade so ist es wie mit der „unglücklichen Liebe“. Unser Herz ist

dazu konstruiert. Manchmal zerbricht es. Das sind „unvorhergesehene Fälle“, die

auch der genialste Maschinentechniker nicht vorausberechnen kann. Die Luft

wurde immer frischer, und ich gedachte des genialen Erbauers dieser Bahn,

Ritter von Ghega, der sie in die Felsen mit Gewalt hineinbohrte, damit der

Naturfreund alles genieße, Abgründe, Urwälder, Ausblicke, kurz die Dekoration

der Bergeswelten! Auf dem Semmering dachte ich: „In Pottschach ist eine

eingestiegen, in einem braungrün schillernden seidenen Bauernkostüme.

Weshalb hat sie meinen Blick nicht gesehen von namenloser Begeisterung?!

Vielleicht hätte er sie geschützt vor dem Herrn so und so, dem sie jetzt

unbefangen die Hand reichen wird zum „ewigen Bunde“?! Unsere Blicke sind

nicht da, um zu „zünden“, sondern um zu „schützen“, vor Blicken, die „seelisch

stargrau“ sind! Wir sind nicht da, um zu „erobern“, sondern um zu „schützen“!

Ein jeder hat seine Aufgabe im Leben! Er erfülle sie!