Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 42 von 152

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Semmering 1912

Die Romantikerin I.

 

Ich hielt diese Fünfzehnjährige wirklich für ein Ideal slawischer Schönheit,

Stumpfnase natürlich, aschblondes Haar, hechtgraue oder taubengraue Augen.

Alles an ihr gefiel mir, und nichts an ihr mißfiel mir. Ihr Schweigen war düster-

merkwürdig, ihre Interesselosigkeit an den Dingen des Lebens erschien mir wie

die versteckte Weisheit eines vorausahnenden, gleichsam seherischen jungen

Geschöpfes, an das doch heutzutage, wie die Dinge einmal stehen und liegen,

sich in jedem Augenblick irgendeine Niederträchtigkeit heranschleichen könnte!

Aber vorläufig war sie geborgen, beschützt, geborgen! Nun, trotz alledem war

ich nur ein kühler Beobachter, den das alles absolut gar nichts anging, und der

sich höchstens einmal zu einem Veilchensträußchen für 60 Heller aufschwang.

Ich sagte zwar, es habe eine Krone gekostet, aber mit gutem Recht, da die

Prozente, die mir die Blumenhändlerin als einem Dichter gab, eine

Privatangelegenheit bilden für sämtliche Beteiligte. Nun, eines Tages bat mich

die Süße, ob sie für ein Stündchen in meinem Zimmerchen ausruhen dürfe,

während ich auf dem Spaziergang befindlich wäre. Ich erlaubte es ihr. Als ich

abends mein Zimmer betrat, lagen, nett angeordnet im Kreise, sieben Haarnadeln

auf der weißen Marmorplatte meines Nachtkästchens, als stiller Dank für die

Beherbergung. Seitdem bin ich ein anderer Mensch geworden. Diese kindlich-

zarte, spielerisch-nette Romantik hat mich gerührt. Diese sieben Haarnadeln sind

etwas Positives von ihr, sie befanden sich vordem in ihren aschblonden

seidenweichen Haaren. Ich empfand es als eine kolossale Belohnung, ich

bewahrte die Haarnadeln in Seidenpapier und schrieb das Datum darauf. Ich

nehme sie oft heraus und betrachte sie. Ich bin kein objektiver Beurteiler mehr

seitdem. Ich denke immer, wie nett sie diese sieben Haarnadeln im Kreise

angeordnet hatte, wie eine Zeichnung für Anfänger, strahlender Stern. Ich werde

mich schon wieder „zur Objektivität“ durchringen, denn es ist das Einzige, was

man hat, wenn man gar nichts hat!