Semmering 1912
Stammgäste
Die „Stammgäste“ eines Hotels haben eine eigentümliche Art von
Sicherheit, die ein wenig an „Größenwahn“ erinnert. Sie haben die Ansicht, daß
alles glücklich sei, daß sie wieder da sind, und daß bisher in dem gesamten
Hotelbetrieb eine Art von empfindlicher Stockung eingetreten sei, die nun
glücklicherweise schwinden werde! Sie haben eine „falsche Liebenswürdigkeit“
mit dem Bedienungspersonal, erkundigen sich nicht ungern nach Dingen, die sie
nichts angehen. Auch ihre eventuellen „Beschwerden“ gegen die Hotelusancen
bringen sie in einem gütig-väterlich-wohlwollenden Tone an, als wollten sie das
ganze Etablissement vor dem Ruine schützen! In J. war ein reicher Stammgast,
der jeden „Eingeborenen“ mit der Frage beglückte: „Nun, wie war der Winter
bei Euch heuer?!“ Obzwar ein jeder darauf mit Freuden geantwortet hatte:
„Schmecks!“, so sagten doch alle, mit Rücksicht auf Trinkgelder, die niemals
stattfanden: „Heuer besonders hart, gnä’ Herr —.“ Worauf der Stammgast
leutselig erwiderte, daß dafür der Sommer zur Erholung, nämlich für ihn, diene!
Trotz aller dieser Eigenheiten möchte dennoch keine Gegend ihre
Stammgäste missen, denn sie gehören dazu und machen das Ganze sogar
heimlich, wie die Schwalben, die Störche und anderes stets wiederkehrendes
Getier!