Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 40 von 152

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Semmering 1912

Stammgäste

 

Die „Stammgäste“ eines Hotels haben eine eigentümliche Art von

Sicherheit, die ein wenig an „Größenwahn“ erinnert. Sie haben die Ansicht, daß

alles glücklich sei, daß sie wieder da sind, und daß bisher in dem gesamten

Hotelbetrieb eine Art von empfindlicher Stockung eingetreten sei, die nun

glücklicherweise schwinden werde! Sie haben eine „falsche Liebenswürdigkeit“

mit dem Bedienungspersonal, erkundigen sich nicht ungern nach Dingen, die sie

nichts angehen. Auch ihre eventuellen „Beschwerden“ gegen die Hotelusancen

bringen sie in einem gütig-väterlich-wohlwollenden Tone an, als wollten sie das

ganze Etablissement vor dem Ruine schützen! In J. war ein reicher Stammgast,

der jeden „Eingeborenen“ mit der Frage beglückte: „Nun, wie war der Winter

bei Euch heuer?!“ Obzwar ein jeder darauf mit Freuden geantwortet hatte:

„Schmecks!“, so sagten doch alle, mit Rücksicht auf Trinkgelder, die niemals

stattfanden: „Heuer besonders hart, gnä’ Herr —.“ Worauf der Stammgast

leutselig erwiderte, daß dafür der Sommer zur Erholung, nämlich für ihn, diene!

Trotz aller dieser Eigenheiten möchte dennoch keine Gegend ihre

Stammgäste missen, denn sie gehören dazu und machen das Ganze sogar

heimlich, wie die Schwalben, die Störche und anderes stets wiederkehrendes

Getier!