Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 13 von 152

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Semmering 1912

So Wurde Ich

 

Ich saß im 34. Jahre meines gottlosen Lebens, Details kann eine

Tageszeitung unmöglich bringen, ich saß im Café Central, Wien, Herrengasse, in

einem Raume mit gepreßten englischen Goldtapeten. Vor mir hatte ich das

„Extrablatt“ mit der Photographie eines auf dem Wege zur Klavierstunde für

immer entschwundenen fünfzehnjährigen Mädchens. Sie hieß Johanna W. Ich

schrieb auf Quartpapier infolgedessen, tieferschüttert, meine Skizze „Lokale

Chronik“. Da traten Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Felix Salten,

Richard Beer-Hofmann, Hermann Bahr ein. Arthur Schnitzler sagte zu mir: „Ich

habe gar nicht gewußt, daß Sie dichten!? Sie schreiben da auf Quartpapier, vor

sich ein Porträt, das ist verdächtig!“ Und er nahm meine Skizze „Lokale

Chronik“ an sich. Richard Beer-Hofmann veranstaltete nächsten Sonntag ein

„literarisches Souper“ und las zum Dessert diese Skizze vor. Drei Tage später

schrieb mir Hermann Bahr: „Habe bei Herrn Richard Beer-Hofmann Ihre Skizze

vorlesen gehört über ein verschwundenes fünfzehnjähriges Mädchen. Ersuche

Sie daher dringend um Beiträge für meine neugegründete Wochenschrift ‚Die

Zeit‘“ Später sandte Karl Kraus, auch der Fackel-Kraus genannt, weil er in die

verderbte Welt die Fackel seines genial-lustigen Zornes schleudert, um sie zu

verbrennen oder wenigstens „im Feuer zu läutern“, an meinen jetzigen Verleger

S. Fischer, Berlin W., Bülowstraße 90, einen Pack meiner „Skizzen“, mit der

Empfehlung, ich sei ein Original, ein Genie, Einer, der anders sei, nebbich. S.

Fischer druckte mich, und so wurde ich! Wenn man bedenkt, von welchen

Zufälligkeiten das Lebensschicksal eines Menschen abhängt! Nicht?! Hätte ich

damals, im Café Central, gerade eine Rechnung geschrieben, über die seit

Monaten nicht bezahlten Kaffees, so hätte Arthur Schnitzler sich nicht für mich

erwärmt, Beer-Hofmann hätte keine literarische Soiree gegeben, Hermann Bahr

hätte mir nicht geschrieben. Karl Kraus freilich hätte meinen Pack Skizzen unter

allen Umständen an S. Fischer abgeschickt, denn er ist ein „Eigener“, ein

„Unbeeinflußbarer“. Alle zusammen jedoch haben mich „gemacht“. Und was

bin ich geworden?! Ein Schnorrer!