Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 86 von 152

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Semmering 1912

Der Maler

 

Die kleine 6jährige Tatarenkönigin Sonja D. sagte zu dem Dichter, der sie

anbetete: „Mein Bruder Bogdan und ich, wir schlafen immer mit einem

geöffneten Jagdmesser, einem Kindergewehre für Schrot und einer Pistole mit

echten Kapseln, unter dem Kopfpolster! Aber die Banditen wollen nicht

kommen, sich abschlachten zu lassen! Die Feiglinge!“ Der Dichter nahm das

vergötterte Königinchen in seine zärtlichen Arme — — —.

Der Maler kam. Da sagten die Damen:

„Was finden Sie denn so Besonderes an dieser 6jährigen Sonja Dungyersky,

die Sie jetzt malen für 500 Kronen? Sie ist doch viel unliebenswürdiger,

eigenwilliger, unsanfter als die meisten anderen reizenden Kindchen hier?“

Der Maler: „Ich male sie von heute an umsonst, verstehen Sie mich,

umsonst! Für mich und für die Welt! Also ausnahmsweise diesmal nicht

umsonst! Ich werde sie malen auf einem niedrigen, schmiedeeisernen, schweren

Throne, mit ihren braunen Gazellenbeinen und ihren braungoldenen Locken!

Umgeben von gebleichten Tatarenschädeln! Einer muß an einer goldenen Kette

herabbaumeln und in einer Ecke muß ein Jüngling den grünen Giftbecher trinken

und sie anblicken. Das Ganze heißt: ‚Kleine winzige Tatarenkönigin, Wildkatze,

Besiegerin!‘ Wie aus einer entschwundenen Zeit von Kraft, Trotz, Schönheit,

Unbesiegbarkeit stammt sie, und dennoch könnte man über ihre Anmut, über

ihre Stimme, ja über ihre zarten Handbewegungen allein schon tagelang weinen

und sich momentan hinopfern!“

So sprach der Maler; und die Mütter der wohlerzogenen, folgsamen Kinder

erbleichten und schlichen fast krank von dannen!

Am nächsten Tage schrieben sie: „Wollen Sie unser Kindchen für 2000

Kronen malen?“

Und er schrieb zurück: „Nein!“

Aber am dritten Tage schrieb er zurück: „Ja!“

Und er malte die Kindchen und alle Tanten und Kusinen, und die

Großeltern waren entzückt!: „Ja, ja, so ist unser Schätzchen, unser liebes,

goldiges Geschöpfchen! Die Sanftmut schaut ihr aus den Augen heraus

— — —!“

Ja, es waren sanfte Kälber von dummen Kühen, richtig porträtiert! Und ein

jedes Kälbchen kostete 2000 Kronen, billigst berechnet!

Aber das Tataren—Königinchen Sonja Dungyersky, auf schmiedeeisernem

breitem kurzem Throne, hatte er „umsonst“ gemalt. Und die Damen sagten: „Il

s’est moqué de vous, Madame Dungyersky!“ Aber die Großmama stand lange

lange vor dem Bilde. Nie sprach sie ein Urteil aus. Aber oft stand sie vor dem

Bilde und starrte es an, an, an. Und eines Tages sagte sie: „Pour les étrennes,

donnez moi l’image! Ce n’est rien pour vous. Vous êtes trop jeunes et trop vieux!

Il faut pouvoir songer tout à la fois dans le passé et dans l’avenir!“