Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 139 von 152

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Semmering 1912

Fauna und Flora

 

An dem adriatischen Meeresufer findest du morgens um sieben viele kleine

Bündel von angeschwemmtem zähen Grase vom Meeresgrund, und kleine

Muscheln in ganz modernen Farbennuancen, von grau in schwarz, von braun in

lila, von gelb in braun. Die Japaner scheinen von da ihre diskreten, fast

mysteriösen Farbentöne her zu haben. Die großen teuren Muscheln stammen aus

dem Indischen Ozean und sind wertvolle wertlose Prunkstücke. Aber die kleinen

Muscheln, hier umsonst, sind kleine moderne erlesene Kunstwerkchen der

Natur! Eine Dame sagte zu mir: „Eine ist doch so wie die andere!“ — „Für mich

nicht!“ erwiderte ich. Die kleinen, nach seitwärts gehenden Krabben sind

entzückend. Sie suchen herzig und ungeschickt das Weite, aber wenn sie es nicht

mehr können, so zwicken sie sanft mit ihren Miniaturscheren. Am Meeresufer ist

ein bewegtes Leben und Treiben; aber die Büschel von geheimnisvollen

dunkelgrünen zähen Gräsern, die herrlichen Muscheln und die Krabben sind wie

von tausend Jahren her, wo Menschen noch nicht das Strandbad kannten. Auch

du wirst einst nicht mehr sein, die du mich nun in jugendlich-lächerlichem Stolz

abweisend mit den Blicken mißt, und deine Brüste werden die Spannkraft

eingebüßt haben, so oder so; und ewig wird das Meer noch Grasbüschel

auswerfen, Muscheln und Krabben. Und mein Leid wird vielleicht leben, denn

sterblich ist das Jauchzen, es verhallt; der Seufzer aber ist unsterblich. Er dringt

zu Gottes feinem Ohr. Der schenkt ihn wieder der Welle, die ans Ufer klagend

fällt. Gott liebt das Leid; wieso es kommt, ich weiß es nicht; es muß wohl

„göttlich“ sein. Gott liebt das Leid, es reinigt! Die satte Freude liebt er nicht!