Semmering 1912
Fauna und Flora
An dem adriatischen Meeresufer findest du morgens um sieben viele kleine
Bündel von angeschwemmtem zähen Grase vom Meeresgrund, und kleine
Muscheln in ganz modernen Farbennuancen, von grau in schwarz, von braun in
lila, von gelb in braun. Die Japaner scheinen von da ihre diskreten, fast
mysteriösen Farbentöne her zu haben. Die großen teuren Muscheln stammen aus
dem Indischen Ozean und sind wertvolle wertlose Prunkstücke. Aber die kleinen
Muscheln, hier umsonst, sind kleine moderne erlesene Kunstwerkchen der
Natur! Eine Dame sagte zu mir: „Eine ist doch so wie die andere!“ — „Für mich
nicht!“ erwiderte ich. Die kleinen, nach seitwärts gehenden Krabben sind
entzückend. Sie suchen herzig und ungeschickt das Weite, aber wenn sie es nicht
mehr können, so zwicken sie sanft mit ihren Miniaturscheren. Am Meeresufer ist
ein bewegtes Leben und Treiben; aber die Büschel von geheimnisvollen
dunkelgrünen zähen Gräsern, die herrlichen Muscheln und die Krabben sind wie
von tausend Jahren her, wo Menschen noch nicht das Strandbad kannten. Auch
du wirst einst nicht mehr sein, die du mich nun in jugendlich-lächerlichem Stolz
abweisend mit den Blicken mißt, und deine Brüste werden die Spannkraft
eingebüßt haben, so oder so; und ewig wird das Meer noch Grasbüschel
auswerfen, Muscheln und Krabben. Und mein Leid wird vielleicht leben, denn
sterblich ist das Jauchzen, es verhallt; der Seufzer aber ist unsterblich. Er dringt
zu Gottes feinem Ohr. Der schenkt ihn wieder der Welle, die ans Ufer klagend
fällt. Gott liebt das Leid; wieso es kommt, ich weiß es nicht; es muß wohl
„göttlich“ sein. Gott liebt das Leid, es reinigt! Die satte Freude liebt er nicht!