Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 91 von 152

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Semmering 1912

Die Niere

 

Zu den wahrhaftigsten und mich aufrichtig rührenden Opfern, die ein Mann

einem geliebten Weibe bringt, rechne ich es immer, wenn er beim Nierenbraten

die Niere ihr überläßt, vorausgesetzt natürlich, daß er sie selbst gern ißt. Aber

wer äße die Niere nicht gern?! Diese Niere ist überhaupt so ein sicherer

Thermometer in Liebessachen. Zum Beispiel: „Otto, weshalb ißt du denn die

Niere nicht?!“ — „Ich esse sie, und noch dazu am liebsten, deshalb lasse ich sie

mir für zuletzt!“ — „Ach so,“ erwidert Hermine enttäuscht. Oder: „Max, du ißt

ja die Niere doch nicht!“, und hat sie schon in ihr Mündchen gesteckt, während

Max nichts im Halse stecken bleibt als das Wörtchen: „O doch!“ Oder: „A

schöne Lieb’, frißt die Niere selber auf, da schau’ der an da!“ Diejenigen Herren

jedoch, die „das Opfer der Niere“ bringen, tun es auch meist ziemlich

geschmacklos, indem sie innerlich sich anstellen, als hätten sie jetzt Anspruch

auf Dankbarkeit und Treue ihr ganzes Leben lang! Nein, dem ist nicht so. Die

Damen nehmen gern die Leckerbissen an, die man ihnen spendet, aber sie haben

die richtige Idee, daß solche Selbstlosigkeiten sich durch das Gefühl eines

höheren Wertes, das man von sich selbst bekommt, reichlich belohnen! Wozu

also die Sache überzahlen?!