Semmering 1912
Die Niere
Zu den wahrhaftigsten und mich aufrichtig rührenden Opfern, die ein Mann
einem geliebten Weibe bringt, rechne ich es immer, wenn er beim Nierenbraten
die Niere ihr überläßt, vorausgesetzt natürlich, daß er sie selbst gern ißt. Aber
wer äße die Niere nicht gern?! Diese Niere ist überhaupt so ein sicherer
Thermometer in Liebessachen. Zum Beispiel: „Otto, weshalb ißt du denn die
Niere nicht?!“ — „Ich esse sie, und noch dazu am liebsten, deshalb lasse ich sie
mir für zuletzt!“ — „Ach so,“ erwidert Hermine enttäuscht. Oder: „Max, du ißt
ja die Niere doch nicht!“, und hat sie schon in ihr Mündchen gesteckt, während
Max nichts im Halse stecken bleibt als das Wörtchen: „O doch!“ Oder: „A
schöne Lieb’, frißt die Niere selber auf, da schau’ der an da!“ Diejenigen Herren
jedoch, die „das Opfer der Niere“ bringen, tun es auch meist ziemlich
geschmacklos, indem sie innerlich sich anstellen, als hätten sie jetzt Anspruch
auf Dankbarkeit und Treue ihr ganzes Leben lang! Nein, dem ist nicht so. Die
Damen nehmen gern die Leckerbissen an, die man ihnen spendet, aber sie haben
die richtige Idee, daß solche Selbstlosigkeiten sich durch das Gefühl eines
höheren Wertes, das man von sich selbst bekommt, reichlich belohnen! Wozu
also die Sache überzahlen?!