Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 84 von 152

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Semmering 1912

Nekrolog (Fritz Strauss)

 

Siehe, es sind schon Leute gestorben, denen ich hätte nachtrauern sollen,

und ich tat es nicht. Andere wieder sind noch am Leben und ich wünsche ihnen

— — — nur nicht gleich fluchen! Aber um einen mir verhältnismäßig ganz

Fremden trauere ich jetzt. Erstens sehe ich gar nicht ein, weshalb gerade ein

24jähriger Millionärssohn weggerafft werden soll, der genug Kultur hatte, Geld

in wirkliche Werte, ohne Pflanz, umzuwandeln. Zweitens besaß er Humor,

obzwar er wußte, daß es mit ihm schief gehen könne bei einer zweiten

Operation. Er war ein „Gentleman-Musical-Clown“, so benannte ich ihn

sogleich. Jeden Abend nach dem Souper erfreuten er und Herr H., der es auch

„nicht nötig“ hatte, das elegante Publikum des Sanatoriums „Wolfsbergkogel“

mit ihren unübertrefflichen Knock-about-Einfällen, bei Klavier und Violine. Sie

ersetzten eine ganze Varietévorstellung. Die reichen Damen vergaßen ihrer

Leiden, was ihnen umso leichter fiel, als sie gar keine hatten; die kranken Herren

vergaßen, den kranken Damen den Hof zu machen. Das Lachen war da, das

Lachen, in diesen heiligen, ernsten Gesundheitsräumen, und die Langeweile der

Liegekuren, dieser neuen Art, sich noch mehr auf sein armes Ich zu

konzentrieren, war vergessen, gelöscht! Ich bat den jungen Mann, doch ja als

„Gentleman-Champion“ in großen Varietés, ohne Gage, aufzutreten, und er sagte

es mir lächelnd zu. Nun ist er tot. Um den trauere ich. 24 Jahre alt, unabhängig,

mit Humor gesegnet, begnadet, gutmütig, bescheiden. Der hätte bleiben dürfen!

Nur der!