Semmering 1912
Nekrolog (Fritz Strauss)
Siehe, es sind schon Leute gestorben, denen ich hätte nachtrauern sollen,
und ich tat es nicht. Andere wieder sind noch am Leben und ich wünsche ihnen
— — — nur nicht gleich fluchen! Aber um einen mir verhältnismäßig ganz
Fremden trauere ich jetzt. Erstens sehe ich gar nicht ein, weshalb gerade ein
24jähriger Millionärssohn weggerafft werden soll, der genug Kultur hatte, Geld
in wirkliche Werte, ohne Pflanz, umzuwandeln. Zweitens besaß er Humor,
obzwar er wußte, daß es mit ihm schief gehen könne bei einer zweiten
Operation. Er war ein „Gentleman-Musical-Clown“, so benannte ich ihn
sogleich. Jeden Abend nach dem Souper erfreuten er und Herr H., der es auch
„nicht nötig“ hatte, das elegante Publikum des Sanatoriums „Wolfsbergkogel“
mit ihren unübertrefflichen Knock-about-Einfällen, bei Klavier und Violine. Sie
ersetzten eine ganze Varietévorstellung. Die reichen Damen vergaßen ihrer
Leiden, was ihnen umso leichter fiel, als sie gar keine hatten; die kranken Herren
vergaßen, den kranken Damen den Hof zu machen. Das Lachen war da, das
Lachen, in diesen heiligen, ernsten Gesundheitsräumen, und die Langeweile der
Liegekuren, dieser neuen Art, sich noch mehr auf sein armes Ich zu
konzentrieren, war vergessen, gelöscht! Ich bat den jungen Mann, doch ja als
„Gentleman-Champion“ in großen Varietés, ohne Gage, aufzutreten, und er sagte
es mir lächelnd zu. Nun ist er tot. Um den trauere ich. 24 Jahre alt, unabhängig,
mit Humor gesegnet, begnadet, gutmütig, bescheiden. Der hätte bleiben dürfen!
Nur der!