Semmering 1912
Winter auf dem Semmering
Ich habe zu meinen zahlreichen unglücklichen Lieben noch eine neue
hinzubekommen — — — den Schnee! Er erfüllt mich mit Enthusiasmus, mit
Melancholie. Ich will ihn zu nichts Praktischem benützen, wie Scheerngleiten,
Rodeln, Bobfahren; ich will ihn betrachten, betrachten, betrachten, ihn mit
meinen Augen stundenlang in meine Seele hineintrinken, mich durch ihn und
vermittelst seiner aus der dummen, realen Welt hinwegflüchten in das
sogenannte „weiße und enttäuschungslose Zauberreich“! Jeder Baum, jeder
Strauch wird durch ihn zu einer selbständigen Persönlichkeit, während im
Sommer ein allgemeines Grün entsteht, das die Persönlichkeiten der Bäume und
Sträucher verwischt. Ich liebe den Schnee auf den Spitzen der hölzernen
Gartenzäune, auf den eisernen Straßengeländern, auf den Rauchfängen, kurz
überall da am meisten, wo er für die Menschen unbrauchbar und gleichgültig ist.
Ich liebe ihn, wenn die Bäume ihn abschütteln wie eine unerträglich gewordene
Last, ich liebe ihn, wenn der graue Sturm ihn mir ins Gesicht nadelt und staubt
und spritzt. Ich liebe ihn, wenn er in sonnigen Waldlachen zerrinnt, ich liebe ihn,
wenn er pulverig wird vor Kälte wie Streuzucker. Er befriedigt mich nicht, ich
will ihn nicht benützen zu Zwecken der süßen Ermüdung und Erlösung, ich will
nicht kreischen und jauchzen durch ihn, ich will ihn anstarren in ewiger Liebe, in
Melancholie und Begeisterung. Er ist also eine neue letzte „unglückliche Liebe“
meiner Seele!