Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 59 von 152

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Semmering 1912

Kranken-Toilette

 

Wenn die Anverwandten zu Besuch kommen, wird der Kranke

„herausstaffiert“. Das geschieht nicht etwa aus irgendeinem Versuche, die

Verwandten über den Zustand des Kranken irrezuführen, sondern aus einem

ganz einfachen Grunde: Man läßt den Kranken eben solange als möglich in

seinem ihm notwendigen, ja zuträglichen Zustande von Apathie. Man zwingt ihn

zu nichts, wartet es geduldig ab, bis er von selbst wieder zum gewöhnlichen

Leben erwache. Aber gerade den Anverwandten darf man diesen Zustand von

organischer und infolgedessen nützlicher Apathie des Kranken nicht vor Augen

führen. Denn hierin ersehen sie nur eine traurige Stagnation des Leidens, was

ihnen in Anbetracht ihrer Sorge und ihrer eventuellen Geldopfer, auch Zeit ist

Geld, sagt der Engländer, nicht erwünscht sein kann. Auch erhofft sich der

Pfleger ein größeres Trinkgeld, falls der Patient den Eindruck von

„rücksichtsvollster Pflege“ macht. Das ist doch ganz natürlich und

selbstverständlich. Es ihm zu verübeln, wäre albern. Infolgedessen wird der

apathische Kranke aus seiner wohltuenden Ruhe plötzlich aufgescheucht,

gesäubert, rasiert und nimmt sich in seinem frisch überzogenen Bette aus, wie

ein krankes Geburtstagskind. Alle Besucher sind einig darüber, daß er sich

fabelhaft erholt habe, und schauen voll Bewunderung und Rührung einmal auf

den bescheidenen Arzt, und einmal auf den stolzen Pfleger. Nach dem

Besuchstage verfällt der Kranke wieder. Gesundheit, Lebensfähigkeit, Energie

hängen leider nicht von Besuchstagen ab der Anverwandten. Man schleppt sich

hin, eine zerbrochene Maschine, und eines Tages steht man auf und ist gesund.

Oder — — — man steht nicht mehr auf. Dann ist auch wieder Besuchstag. Man

ist gewaschen, rasiert, liegt in einem frisch überzogenen Bette wie ein

Geburtstagskind, aber wie ein totes. Nein, das sind Utopien. Bei Nacht wird man

insgeheim weggeführt, denn niemand in der Anstalt soll wissen, daß „etwas sich

ereignet“ hat, was keine Hoffnung zuläßt — — —.