Semmering 1912
Kranken-Toilette
Wenn die Anverwandten zu Besuch kommen, wird der Kranke
„herausstaffiert“. Das geschieht nicht etwa aus irgendeinem Versuche, die
Verwandten über den Zustand des Kranken irrezuführen, sondern aus einem
ganz einfachen Grunde: Man läßt den Kranken eben solange als möglich in
seinem ihm notwendigen, ja zuträglichen Zustande von Apathie. Man zwingt ihn
zu nichts, wartet es geduldig ab, bis er von selbst wieder zum gewöhnlichen
Leben erwache. Aber gerade den Anverwandten darf man diesen Zustand von
organischer und infolgedessen nützlicher Apathie des Kranken nicht vor Augen
führen. Denn hierin ersehen sie nur eine traurige Stagnation des Leidens, was
ihnen in Anbetracht ihrer Sorge und ihrer eventuellen Geldopfer, auch Zeit ist
Geld, sagt der Engländer, nicht erwünscht sein kann. Auch erhofft sich der
Pfleger ein größeres Trinkgeld, falls der Patient den Eindruck von
„rücksichtsvollster Pflege“ macht. Das ist doch ganz natürlich und
selbstverständlich. Es ihm zu verübeln, wäre albern. Infolgedessen wird der
apathische Kranke aus seiner wohltuenden Ruhe plötzlich aufgescheucht,
gesäubert, rasiert und nimmt sich in seinem frisch überzogenen Bette aus, wie
ein krankes Geburtstagskind. Alle Besucher sind einig darüber, daß er sich
fabelhaft erholt habe, und schauen voll Bewunderung und Rührung einmal auf
den bescheidenen Arzt, und einmal auf den stolzen Pfleger. Nach dem
Besuchstage verfällt der Kranke wieder. Gesundheit, Lebensfähigkeit, Energie
hängen leider nicht von Besuchstagen ab der Anverwandten. Man schleppt sich
hin, eine zerbrochene Maschine, und eines Tages steht man auf und ist gesund.
Oder — — — man steht nicht mehr auf. Dann ist auch wieder Besuchstag. Man
ist gewaschen, rasiert, liegt in einem frisch überzogenen Bette wie ein
Geburtstagskind, aber wie ein totes. Nein, das sind Utopien. Bei Nacht wird man
insgeheim weggeführt, denn niemand in der Anstalt soll wissen, daß „etwas sich
ereignet“ hat, was keine Hoffnung zuläßt — — —.