Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 22 von 152

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Semmering 1912

Heimliche Liebe

 

Wir müssen von den Gefühlen unserer eigenen Seele leben können! Das ist

die „neue Religion“ für unsere, sonst zum Leiden verurteilten impressionablen

Nerven. Man kann uns alles wegnehmen, alles rauben, alles verhindern, alles

verbieten — — nur nicht unsere Gefühle, die wir für geliebte Menschen haben!

Hier beginnt unsere unbesiegbare Macht unserer Seele! Man wünscht es, unsere

Tränen nicht zu sehen, nicht zu spüren, nichts darüber in alle Ewigkeit zu

vernehmen — — — und sie rinnen dennoch auf den Kopfpolster, zum Preise

der Entfernten! Könnt Ihr uns verbieten, in dem Bergkirchlein für ihr Heil zu

beten?! Könnt Ihr uns es verbieten, im Schnee des „Hochwegs“ ihre Fußspuren

zu ahnen?! Vielleicht sind es fremde, gleichgültige. Aber wir, wir träumen sie

uns als die ihrigen, vermittels der Kraft unserer unzähmbaren, unbesiegbaren

Seele! Kann sie zu uns sprechen: „Knie vor meinen Fußspuren nicht in den

Schnee hin!?!“ Nein, das kann, das darf niemand zu uns sprechen. In diesen

„Gefilden der entrückten Seele“ verliert die verbietende Menschenstimme ihre

Macht und Gott sagt: „Du darfst!“

Ich habe Dein Glas in mein Zimmer mitgenommen, aus dem Du getrunken

hast. Ich habe dem Kellner gesagt: „Ich habe ein Glas zufällig zerbrochen, da

haben Sie zwei Kronen dafür!“ Er sagte: „Auf ein Glas mehr oder weniger

kommt es, bitte, bei uns nicht an — — —.“ Also besaß ich das „geheiligte Glas“

umsonst. Ich ließ ihm ein Postamentchen machen aus Zirbelholz, ließ

eingravieren: „Deine Lippen berührten es.“ Kann mir das irgend jemand

verbieten?! Niemand kann mir meine Leiden verbieten, er kann sie nur steigern,

und das ist gut für meine Seele — — —. Wen, wen wollt Ihr schützen vor

meinen Tränen, die niemand, niemand sieht?!