Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 135 von 152

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Semmering 1912

Zyklus: „Venedig“

EINDRÜCKE

 

In Triest hatte ich im Hotel Excelsior ganz hoch oben ein Kabinett, das eine

kleine eiserne Balustrade hatte, von der aus man das Meer sah und rechts die

braungrünen Hügel. So sah ich also zum erstenmal das Meer, in meinem 55.

Lebensjahr. Abends trat ich an die eiserne Balustrade und betrachtete die weite

graue Fläche Wasser. Ich durfte also auch noch ein Meer sehen, und morgen

sogar ein Schiff mit Frühstückszimmer, Speisesaal, Kajüten und Deck zum

Spazierengehen. Das gütige strenge Schicksal hatte mir das alles aufgespart,

gleichsam als Schlußbelohnung eines ereignislosen Daseins. Diese schwebende

Stiege an der schneeweißen Wand des Schiffes! Man frühstückt: Teeschale

Kaffee, licht, gut passiert, mit Schlagsahne, und fährt zugleich mit Turbine auf

dem Adriatischen Meer. Dabei liest man in Intervallen Zeitung und schreibt

Ansichtskarten an Annie W. Man zeigt mir freundschaftlich die „italienische

Küste“ im fernen weißen Nebel, und ich selbst erblicke braune Segel von

Fischerbarken. Das alles ist wundervoll. Meine englische Freundin sagt: „Ich

habe es gewußt, daß es Ihnen viel Spaß machen wird!“ Aber es macht mir viel

Ernst! Venedig ... also das ist dieses Venedig, mit einem Palazzo Vendramin, in

dem mein Gott, Richard Wagner, den letzten Seufzer aushauchte. Hier also ist

der große weite, palastumrankte Platz, auf dem sechs reizende Kaffeehäuser

sind, mit 1000 Tischen und Stühlen, und wo abends in der Mitte auf eisernem,

elektrisch beleuchtetem Gerüste die Banda Municipale spielt. Und gegenüber

der Lido, wo die Menschen in Licht, Salzluft und Wasser sich verjüngen und die

schönen Frauen wenigstens ihre herrlichen zarten weißen Füße, Zehen, Beine,

Knie zeigen. Wenn man dann abends auf dem Markusplatz so eine viertelnackte

Nymphe en grande toilette sieht, denkt man: „Bitte sehr, die Schneiderinnen

wollen auch leben!“ Bei „Salviati“ sah ich Gläser von der Farbenpracht von

exotischen Schmetterlingen, Vögeln und Orchideen. Andere wieder waren düster

wie der Himmel vor dem Gewitter und die Seele eines Eifersüchtigen. Viele

schienen herausgewachsen zu sein, wie aus Erdreich und Sonnenlicht und Tau

und Regen. Aber dazu muß man in den Kanal Grande fahren, in die Ausstellung,

da ist die „Glas-Aristokratie“, während sonst überall die schreiende Marktware

ist. Parmesan und Paradeis sind die Lieblingsdinge. Man ißt fast alles mit diesen beiden Dingen. Fast zu allem offeriert man dir eine Glasbüchse mit Silberdeckel,

in der geriebener Parmesan sich befindet. Die neue Oper von Wolf-Ferrari: „Die

neugierigen Frauen“ von Goldoni, Lustspiel, wurde im Goldoni-Theater,

hellblau und gold, unübertrefflich dargestellt; Kapellmeister, Orchester,

Stimmen, Spiel einfach vollkommen. Wolf-Ferrari ist ein feiner, nobler,

geschickter, diskreter — — — jetzt weiß man alles! Gott, daß ihm nichts

einfällt, das macht er absichtlich, er ist zu nobel, zu kompliziert dazu, er will

nicht melodiös sein, wie alle Modernen, die es nicht können! Was die Mode

betrifft, bin ich leider nur für die englisch-amerikanische, während die

französische überladen und unnötig ist. „Ich habe Geld, ich habe Geld, es zu

bezahlen!“ schreien alle diese Modelle von Hüten und Kleidern, während die

englischen und amerikanischen flüstern: „Wir haben so viel Geld, daß wir gar

nicht brauchen, es erst zu zeigen!“ Der Meeressand ist wundervoll, ihn durch die

Finger gleiten lassen ist eine „ästhetische Wollust“. Rührend ist die ärmliche

Vegetation der Küste: Grasbüschel, Akazien, Birken. Bilder habe ich noch keine

gesehen. Die Historie versucht es wie ein altes, Opfer heischendes Ungeheuer,

hier überall uns von der einfachen Natur abzulenken. Aber bei mir gelingt es ihr

nicht, ich bin der „heilige Georg“, obzwar ich Richard heiße, pardon, Peter. Ich

weiß, daß man Giotto „Dschotto“ auszusprechen hat, und damit habe ich mich

losgekauft. Deckengemälde interessieren mich nicht, man bekommt einen steifen

Hals davon. Von Berühmtheiten der modernen Zeiten waren hier außer mir:

Heinrich Mann, Jakob Wassermann, Max Oppenheimer, Tilla Durieux, Adolf

Loos, Eduard Stucken. „No, und ich bin nix?!“ sagte die Neunzehnjährige, die

sich von mir die Hotelrechnung bezahlen ließ. „Welche kann das noch von sich

behaupten, daß ein solcher Schmutzian wie du für sie hat bezahlen müssen?!“