Semmering 1912
Loca Minoris Resistentiae
Jeder Organismus hat seine sogenannte „Achillesferse“, das heißt eine
Stelle, an der er besonders leicht und empfindlich verwundbar ist! Ich zum
Beispiel habe meine Achillesferse im Gehirn, aber nicht, wie meine boshaften
und heimtückischen Freunde (Feinde sind viel milder gestimmt, indem sie einen
in Bausch und Bogen ein für allemal verurteilen) glauben werden, in meinen
Denkpartien, sondern in jener mysteriösen Partie des Gehirns, wo die Eifersucht
ihren Höllensitz aufgeschlagen hat, und zwar die Eifersucht in bezug auf
Männer, die mehr Haare, mehr Geld und weniger Intelligenz als ich besitzen,
also drei den Frauen besonders wertvoll erscheinende Eigenschaften! Sobald ich
nur ein solches Ungetüm irgendwo erblicke, das mehr Haare, mehr Geld und
weniger Intelligenz besitzt als ich, bekomme ich sofort, wie der technische
Ausdruck lautet, einen sogenannten „roten Kopf“, und ich denke nur mehr an
Browningpistolen, Arsenik oder die Hundspeitsche, natürlich für den anderen!
Ich betrachte meine mich bisher fanatisch vergötternde Geliebte als bereits
endgültig verloren, und treffe Anstalten, sie grundlos durchzuprügeln! Das sind
also meine „loca minorum resistentium“, das heißt zu deutsch, jene Partien
unseres komplizierten Organismus, die auf Reizungen besonders empfindlich
reagieren, und zwar sofort! Solche Partien haben viele Menschen Kellnern
gegenüber oder Raseuren, die sie schlecht bedienen; obzwar in solchen weniger
gefährlichen Fällen ein erhöhtes Trinkgeld meistens gute Dienste leistet.
Die „loca minorum resistentium“ haben in neuester Zeit einen besonderen
Wert gewonnen für die Herren Ärzte; denn jede Partie des Körpers, über die ein
Patient sich heutzutage beklagt, wird vom Arzt sogleich ernst und
verständnisvoll als: „Aha, das sind Ihre loca minorum resistentium, mein Lieber
— — —!“ bezeichnet, worauf der Patient sich, zwar nicht geheilt, aber um ein
Bedeutendes, vor allem um das ärztliche Honorar erleichtert, entfernt. Viele
Damen haben solche loca minorum resistentium in ihrem Organismus, im
Augenblick, wo sie an einer Dame einen kostbarern Pelz bemerken, als sie selbst
besitzen. Aber hier fange ich bereits an banal zu werden, und deshalb schließe
ich hiermit rasch diese immerhin interessante Plauderei.