Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 93 von 152

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Semmering 1912

Güte

 

Jeder Mensch, der irgend etwas begeht, und weiß es selbst nicht, daß er es

falsch getan hat — — — siehe, an ihm geht es dennoch schlimm aus! Er kann

sich nicht entschuldigen mit seinem „guten Willen“, denn Gott berücksichtigt

diesen nicht, sondern nur die „edle Weisheit“ einer jeglichen Betätigung! Der

sogenannte „gute Wille“ ist eine schmachvolle feige Entschuldigung, die in dem

„Buche Gottes“ in das Minus-Konto eingetragen wird!

„Ich habe es gut gemeint“, ist ein Zeugnis für „Selbstverurteilung“. Meine

es schlecht, mein Lieber, aber denke das Richtige!

„Güte ist Stupidität; es gibt nur eine einzige wahrhaftige Güte: Weisheit!

Rate mir nicht, helfe mir nicht aus Güte; da kann ich leicht dein Opfer werden.

Rate, hilf mir aus eiskalter kristallklarer, unerbittlicher, adeliger Weisheit!

Alle Menschen, die angeblich „zusammengehören“, machen es sich

gegenseitig leicht, indem sie „gut“ sind. „Weise sein“, in bezug auf einen

geliebten Menschen, das fällt ihnen zu schwer, das können, ja, das wollen sie

nicht. Da könnten sie „in Konflikte kommen“, „mißverstanden“ werden; aber die

dumme alberne leichtfaßliche Güte, die versteht ein jeder, erkennt sogar ein

jeder Gleichgültige an. Güte ist ein feiges Seelenmanöver, um Idioten zu bluffen!

Die Idylle des Familienlebens, das Ehelebens, des Lebens zwischen Geliebten,

besteht zu 70 Prozent daraus.

„Bin ich nicht gut zu dir, du Undankbarer?!?“ ist die Phrase der

„geschickten Kühe“, die damit die „ungeschickten Ochsen“ an sich fesseln!

Mögen es auch noch so sehr in anderer Beziehung „Stiere“ sein — — —.