Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 37 von 152

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Semmering 1912

Vorfrühling

 

Von den braunroten Dachschindeln rieseln grauglänzende Bäche. Man muß

diesen harten Winter wegschwemmen, auflösen. Die Blumen und Gräser wollen

auch schon heraus, nicht nur die genialen Schneerosen und Eriken, die der

Nachwinter nicht geniert. Aber es gibt diskretere Kräuter, die erst auf den

ernsten „Ruf des Frühlings“ Folge leisten und nicht gewillt sind, mit Schnee und

Kälte zu „paktieren“. Das Berg-Schneeglöckchen zum Beispiel, das

Leberblümchen und der Frühlings-Enzian. Die lassen mit sich kein Geschäft

machen; ein paar sonnige Tage können sie nicht verführen, ihre Pracht zu

entfalten. Sie wollen Numero Sicher gehen, also eigentlich „Philister der

Blumenwelt“. Nicht vorzeitig verwelken wollen, ist immer eine Art von

„philiströser Tätigkeit“! Franz Schubert, Hugo Wolf usw. usw. hatten sie nicht.

Leute, die „Eau de Vichy“ trinken statt „Enzian-Schnaps“, sind zu verwerfen!

Sie legen zuviel Wichtigkeit ihrem absolut unwichtigen Organismus bei. Ich bin

gewiß für Gesundheit. Aber sie muß auch für andere wertvoll sein. Die

Gesundheit der Wertlosen ist wertlos! Der „Hypochonder“ hat irrige Ideen vom

Werte seiner Erhaltung! Wir verzichten gerne auf seine Lebenskräfte, die uns

doch nichts bieten können! Ein „reeller Kranker“ ist uns lieber als ein „falscher

Gesunder“! Das merkt euch, ihr „Wucherer mit der Gesundheit“! Früchte, die

fallen wollen, soll man abreißen! Aber statt dessen läßt man sie oben, und sie

schreiben fünfaktige Dramen, oder malen, oder bildhauern, jedenfalls treiben sie

irgendeinen schädlichen Unfug!