Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 97 von 152

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Semmering 1912

Reminiszenzen

 

Eine angenehme Abwechslung während des Lernens war das Anzünden der

Öllampe am Winternachmittage. Draußen sah man undeutlich graue Häuser wie

fremde Welten. Da kam das Stubenmädchen und zündete die Öllampe an.

Vorsichtig nahm sie die Milchglaskugel ab, den glänzenden Zylinder aus Glas.

Sie drehte den bereits vormittags richtig abgeschnittenen Docht hoch mit der

Messingschraube, legte zwei fadendünne harz-imprägnierte Hölzchen (eine ganz

neue Erfindung der Technik) im Kreuz über den gelben Docht und zündete jene

an den Enden an. Oft brannte der Docht, oft brannte er nicht. Endlich brannte er.

Da stülpte das Stubenmädchen vorsichtig den Glaszylinder auf und dann die

Milchglaskugel. Nun wurde noch ein wenig an der Messingschraube, auf

welcher der Name „Ditmar“ und zwei Merkurflügel waren, hin und her gedreht,

damit die Lampe nicht rauche. Endlich brannte sie mit einem dottergelben

matten Schein. Da saß man denn, und schrieb die Einleitung zu dem Aufsatze:

„Charakter des Wallenstein“: „Wenn wir die großen Helden vergangener Zeiten

an unserem geistigen Auge vorüberziehen lassen — — —“

„Sie, Marie, der Docht raucht auf der linken Seite — — —“

„Aber junger Herr, das ist eine Sekkatur. Ich habe ihn heute vormittags ganz

gerade abgeschnitten.“

Charakter des Wallenstein: „Auf der Höhe seiner Macht angelangt, überfiel

ihn wie die meisten Sterblichen die Sehnsucht nach noch Höherem,

Unerreichbarem — — —“

Die Lampe brannte mit dottergelbem, mattem Schein, und richtig, links

rauchte sie ein wenig und schwärzte sogar den Glaszylinder an.