Semmering 1912
Reminiszenzen
Eine angenehme Abwechslung während des Lernens war das Anzünden der
Öllampe am Winternachmittage. Draußen sah man undeutlich graue Häuser wie
fremde Welten. Da kam das Stubenmädchen und zündete die Öllampe an.
Vorsichtig nahm sie die Milchglaskugel ab, den glänzenden Zylinder aus Glas.
Sie drehte den bereits vormittags richtig abgeschnittenen Docht hoch mit der
Messingschraube, legte zwei fadendünne harz-imprägnierte Hölzchen (eine ganz
neue Erfindung der Technik) im Kreuz über den gelben Docht und zündete jene
an den Enden an. Oft brannte der Docht, oft brannte er nicht. Endlich brannte er.
Da stülpte das Stubenmädchen vorsichtig den Glaszylinder auf und dann die
Milchglaskugel. Nun wurde noch ein wenig an der Messingschraube, auf
welcher der Name „Ditmar“ und zwei Merkurflügel waren, hin und her gedreht,
damit die Lampe nicht rauche. Endlich brannte sie mit einem dottergelben
matten Schein. Da saß man denn, und schrieb die Einleitung zu dem Aufsatze:
„Charakter des Wallenstein“: „Wenn wir die großen Helden vergangener Zeiten
an unserem geistigen Auge vorüberziehen lassen — — —“
„Sie, Marie, der Docht raucht auf der linken Seite — — —“
„Aber junger Herr, das ist eine Sekkatur. Ich habe ihn heute vormittags ganz
gerade abgeschnitten.“
Charakter des Wallenstein: „Auf der Höhe seiner Macht angelangt, überfiel
ihn wie die meisten Sterblichen die Sehnsucht nach noch Höherem,
Unerreichbarem — — —“
Die Lampe brannte mit dottergelbem, mattem Schein, und richtig, links
rauchte sie ein wenig und schwärzte sogar den Glaszylinder an.