Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 113 von 152

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Semmering 1912

Enterbte des Schicksals

 

Sie hatte eine kleine reizende Blumenhandlung im Berghotel. Das heißt, sie

hatte sie nicht, sondern sie war nur Verkäuferin. Die Besitzer waren in Wien,

reiche Leute.

Sie liebte die Blumen, die man ihr von den ungangbaren Felsgraten brachte,

sie liebte die Blumen, die man ihr aus Ziergärten schickte in Watte und

Holzbaumwolle. Alles, alles mußte sie aber doch verkaufen. Ihre besten Kunden

waren die „Hotel-Don Juans“ und die „Neuvermählten“. Und sogenannte

notwendige Abschiedsbuketts, von denen man dachte: „Ich will nicht, aber ich

muß!“ Diese verkaufte sie am liebsten, schlug, so weit es ging, mit dem Preise

auf, unerbittlich. Abschied ohne Abschiedstränen muß teuer bezahlt werden!

Einmal kam ein Dichter, bestellte für die sechsjährige Sonja Dungyersky einen

Strauß von hellrosigen „Rosa Crimson Rambler“. Diesen ließ sie sich nicht

bezahlen. „Weshalb denn nicht?!“ fragte der Dichter. „Wir wollen doch auch um

Gottes willen einmal eine Freude haben! Etwas miterleben!“ erwiderte die

Verkäuferin.