Semmering 1912
Enterbte des Schicksals
Sie hatte eine kleine reizende Blumenhandlung im Berghotel. Das heißt, sie
hatte sie nicht, sondern sie war nur Verkäuferin. Die Besitzer waren in Wien,
reiche Leute.
Sie liebte die Blumen, die man ihr von den ungangbaren Felsgraten brachte,
sie liebte die Blumen, die man ihr aus Ziergärten schickte in Watte und
Holzbaumwolle. Alles, alles mußte sie aber doch verkaufen. Ihre besten Kunden
waren die „Hotel-Don Juans“ und die „Neuvermählten“. Und sogenannte
notwendige Abschiedsbuketts, von denen man dachte: „Ich will nicht, aber ich
muß!“ Diese verkaufte sie am liebsten, schlug, so weit es ging, mit dem Preise
auf, unerbittlich. Abschied ohne Abschiedstränen muß teuer bezahlt werden!
Einmal kam ein Dichter, bestellte für die sechsjährige Sonja Dungyersky einen
Strauß von hellrosigen „Rosa Crimson Rambler“. Diesen ließ sie sich nicht
bezahlen. „Weshalb denn nicht?!“ fragte der Dichter. „Wir wollen doch auch um
Gottes willen einmal eine Freude haben! Etwas miterleben!“ erwiderte die
Verkäuferin.