Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 131 von 152

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Semmering 1912

Hotel-Stubenmädchen

 

Ich sagte zu meinem Hotel-Stubenmädchen: „Johanna, Sie werden von Tag

zu Tag unaufmerksamer gegen mich. Gestern waren sogar keine Zündhölzer

vorhanden.“ Sie sagte: „Jetzt wird es schon wieder besser werden. Ich habe

nämlich meine Schwester, 27 Jahre alt, verloren, man hat ihr zum Schluß das

ganze linke Bein abgenommen. Sie hat gesagt: „Ich möchte auch mit einem Bein

leben!“ Aber es ist doch nicht gegangen.“ Sie brachte mir zehn Pakete

Zündhölzchen. Sie sagte: „Wenn man nur wüßte, wofür man so schwer bestraft

wird!? Die Dame auf Nr. 32 hat sicherlich mehr gesündigt als wir, und wie fein

lebt sie?!“

Ich sagte: „Johanna, wenn es auf Erden richtig zuginge, brauchten wir ja

nicht die Hoffnung aufs Himmelreich — — —“

Sie sagte: „Entschuldigen Sie vielmals die zahlreichen Versäumnisse der

letzten Tage. Meine arme Schwester hat ausgerungen. Jetzt kann ich wieder

meine Pflicht erfüllen!“