Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 44 von 152

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Semmering 1912

Ostermontag auf dem Semmering

 

Die Lärchenbäume haben sich jedenfalls noch nicht verändert. Sie sind

gelb-grau geblieben wie im Winter. Sie lassen keine Hoffnung zu. Bis alles

geschehen sein wird, der geordnete sichere Frühling, dann erst werden sie

ernstlich „ergrünen“. Sie sind „voraussichtige Genies“ unter den Gewächsen, so

Bismarcks, Moltkes der Pflanzenwelt. Andere sind allzu hoffnungsvoll, stecken

den Kopf heraus, glauben, es wird sich schon machen, zum Teufel!, und, hast du

nicht gesehen, sie verwelken! Aber die Lärchenbäume sagen: „Wenn wir einmal

anfangen, grün zu werden, dann, dann gibt es kein Zurück mehr, verstanden?!

Und dann bis in den Spätherbst hinein, hurra!“ Der rote Vogelbeerbaum macht

etwas Ähnliches, erhält sich sogar mit weißen Schneehütchen seine grellroten

Vogelbeeren, die letzte Nahrungsstätte der gedrungenen farbigen Gimpel!

Ostermontag. Ein Arbeiter spielt auf der Harmonika, und eine Frau ruft:

„Zum Essen!“ Irgend etwas Besonderes gibt es heute, etwas, was die

„gewöhnlichen Ausgaben“ übersteigt! Romantik des Feiertagsessens! So hatten

wir in unserer Kindheit Sonntags stets „Juliennesuppe“, Poulard mit

Erdäpfelsalat, und Karamelpudding mit Himbeersaft. Der Himbeersaft war nie

gewässert, verdünnt, wie stets in anderen Bürgerhäusern; denn meine Mama

hatte die Absicht, eine jede Hausfrau zu demütigen, zu blamieren, indem sie

erklärte, in ihrem Hause werde der Himbeersaft, direkt aus der Originalflasche,

unverdünnt serviert! Viele Damen hielten sie infolgedessen für

verschwenderisch, ja sogar in gewisser Hinsicht für exzentrisch. Andere aber

bewunderten sie als eine Art von zwar unverständlichem, aber dennoch höherem

Wesen; Himbeersaft direkt aus der Originalflasche!?

Vor meinem Fenster ist ein Reh in einem Holzverschlage. Es ist so ein

Plakat für „Wildreichtum der umliegenden Waldungen“! Es schnuppert wie eine

Ziege, es denkt: „Die Freiheit habe ich eingebüßt, da will ich wenigstens

kulinarisch genießen!“

Im „Kino“ schießt ein kleiner Knabe alles aus einer von einem Onkel

geschenkten Büchse zusammen. Zuletzt schießt er den schweren Lüster vom

Plafond herunter. Da sagte ein dreijähriges Mäderl neben mir: „Ist der Lüster

jetzt gestorben?!“ „Nein,“ erwiderte ich, „er hat sich nur ein bißchen weh getan!“

Es ist Ostermontag. Ein jeder glaubt es zu spüren direkt, weil er es nach

dem Kalender weiß! Morgen, 9. April, ist ihr zwölfjähriger Geburtstag. Aber ich

darf ihr nicht gratulieren; erstens, weil die Herren Eltern es nicht erlauben,

zweitens, weil ich weder ihren Namen noch ihre Adresse weiß! Aber ich habe

sie gehen gesehen, das genügt für meinen Turmfalkenblick! Ich würde ihr

schreiben: „Dante Alighieris Beatrice, 1912“! Aber wozu?! Bin ich Dante?!

Nach 500 Jahren soll man sie mit mir in Beziehung bringen! Siehe, meine Seele

hat Zeit, über ihren eigenen Tod hinaus zu warten! —