Semmering 1912
Ostermontag auf dem Semmering
Die Lärchenbäume haben sich jedenfalls noch nicht verändert. Sie sind
gelb-grau geblieben wie im Winter. Sie lassen keine Hoffnung zu. Bis alles
geschehen sein wird, der geordnete sichere Frühling, dann erst werden sie
ernstlich „ergrünen“. Sie sind „voraussichtige Genies“ unter den Gewächsen, so
Bismarcks, Moltkes der Pflanzenwelt. Andere sind allzu hoffnungsvoll, stecken
den Kopf heraus, glauben, es wird sich schon machen, zum Teufel!, und, hast du
nicht gesehen, sie verwelken! Aber die Lärchenbäume sagen: „Wenn wir einmal
anfangen, grün zu werden, dann, dann gibt es kein Zurück mehr, verstanden?!
Und dann bis in den Spätherbst hinein, hurra!“ Der rote Vogelbeerbaum macht
etwas Ähnliches, erhält sich sogar mit weißen Schneehütchen seine grellroten
Vogelbeeren, die letzte Nahrungsstätte der gedrungenen farbigen Gimpel!
Ostermontag. Ein Arbeiter spielt auf der Harmonika, und eine Frau ruft:
„Zum Essen!“ Irgend etwas Besonderes gibt es heute, etwas, was die
„gewöhnlichen Ausgaben“ übersteigt! Romantik des Feiertagsessens! So hatten
wir in unserer Kindheit Sonntags stets „Juliennesuppe“, Poulard mit
Erdäpfelsalat, und Karamelpudding mit Himbeersaft. Der Himbeersaft war nie
gewässert, verdünnt, wie stets in anderen Bürgerhäusern; denn meine Mama
hatte die Absicht, eine jede Hausfrau zu demütigen, zu blamieren, indem sie
erklärte, in ihrem Hause werde der Himbeersaft, direkt aus der Originalflasche,
unverdünnt serviert! Viele Damen hielten sie infolgedessen für
verschwenderisch, ja sogar in gewisser Hinsicht für exzentrisch. Andere aber
bewunderten sie als eine Art von zwar unverständlichem, aber dennoch höherem
Wesen; Himbeersaft direkt aus der Originalflasche!?
Vor meinem Fenster ist ein Reh in einem Holzverschlage. Es ist so ein
Plakat für „Wildreichtum der umliegenden Waldungen“! Es schnuppert wie eine
Ziege, es denkt: „Die Freiheit habe ich eingebüßt, da will ich wenigstens
kulinarisch genießen!“
Im „Kino“ schießt ein kleiner Knabe alles aus einer von einem Onkel
geschenkten Büchse zusammen. Zuletzt schießt er den schweren Lüster vom
Plafond herunter. Da sagte ein dreijähriges Mäderl neben mir: „Ist der Lüster
jetzt gestorben?!“ „Nein,“ erwiderte ich, „er hat sich nur ein bißchen weh getan!“
Es ist Ostermontag. Ein jeder glaubt es zu spüren direkt, weil er es nach
dem Kalender weiß! Morgen, 9. April, ist ihr zwölfjähriger Geburtstag. Aber ich
darf ihr nicht gratulieren; erstens, weil die Herren Eltern es nicht erlauben,
zweitens, weil ich weder ihren Namen noch ihre Adresse weiß! Aber ich habe
sie gehen gesehen, das genügt für meinen Turmfalkenblick! Ich würde ihr
schreiben: „Dante Alighieris Beatrice, 1912“! Aber wozu?! Bin ich Dante?!
Nach 500 Jahren soll man sie mit mir in Beziehung bringen! Siehe, meine Seele
hat Zeit, über ihren eigenen Tod hinaus zu warten! —