Semmering 1912
ZWEI SKIZZEN Das kleine Leben
ZWEI SKIZZEN
Das kleine Leben
Ich sah Arbeiter an einer Telegraphenstange arbeiten, die im Hochwald der
Nachtsturm zerbrochen hatte, von 7 Uhr morgens bis 6 Uhr abends. Es frappierte
mich, wie sorgenlos sie waren, keine Spur eines Gedankens darüber, ob es denn
dafürstehe, auf die Welt gekommen zu sein, um abgebrochene
Telegraphenstangen im Hochwald, der dem Fürsten gehört, wieder praktikabel
zu machen. Im Gegenteil, sie schienen es für das Wichtigste von der Welt zu
halten, daß die Telegraphenstange sobald als nur irgend möglich wieder
hergestellt werde. Es waren Telegraphenstangenärzte. Um sie herum waren
Gimpel und Eichkätzchen auf Altfichten, Regen kam, Nebel und wieder Sonne;
aber immer war alles konzentriert auf die Errichtung der Telegraphenstange. Ihr
gehörte ihre ganze Sorge, sie war ein Teil des Weltgetriebes. Es gab Genies unter
diesen Arbeitern, die alles mit einem Schlag erfaßten, was zu tun war; dann
waren Bedächtige, Vorsichtige; und dann waren Tagarbeiter nach
vorgeschriebener Pflicht. Die ganze Menschheit also war eigentlich um diese
Telegraphenstange im fürstlichen Hochwald versammelt. Ich ging vorüber und
verteilte Trabukos, a la Kaiser Josef, nur billiger. Weshalb nicht?! Das Prager
Tagblatt hatte mir doch gerade für Nachdruckhonorare 9 Kr. geschickt.
Nachdrucken ist doch schon Ehre genug. Das Geld setzte ich teilweise in
Mäzenatentum und in Menschheitsbeglückung um. Die Arbeiter waren ganz
verblüfft. Einer sagte: „Auf der Liechtensteinstraße hat der Sturm einen halben
Meter dicke Bäume abgeschlagen!“ Diese Mitteilung war eine Art von Revanche
für meine Liebenswürdigkeit. „Ist es möglich?!“ sagte ich freundlich erstaunt,
und ging befriedigt von dannen.
Liebesgedicht
Niemand beachtete dich, edle, verschwiegene Goldrote, in dienender
Stellung.....
Ich zog dich hervor aus deinem Versteck und segnete dich.
Da wurden die anderen aufmerksam, schickten Blumen und Briefe....
Da zog ich mich zurück.
„Sind Sie eifersüchtig?!“ sagte sie.
„Nein, aber ich hasse die elende Dummheit der Männer, die erst einen alten
kranken glatzköpfigen Bettler brauchen.... Wer, wer sagte mir, daß man um Sie
sich grämen dürfe...?!?“
„Aber um Gotteswillen, irgend jemand muß einen doch entdecken, wozu
sind denn die Dichter da?!?“