Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 8 von 152

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Semmering 1912

ZWEI SKIZZEN Das kleine Leben

ZWEI SKIZZEN

 

Das kleine Leben

 

Ich sah Arbeiter an einer Telegraphenstange arbeiten, die im Hochwald der

Nachtsturm zerbrochen hatte, von 7 Uhr morgens bis 6 Uhr abends. Es frappierte

mich, wie sorgenlos sie waren, keine Spur eines Gedankens darüber, ob es denn

dafürstehe, auf die Welt gekommen zu sein, um abgebrochene

Telegraphenstangen im Hochwald, der dem Fürsten gehört, wieder praktikabel

zu machen. Im Gegenteil, sie schienen es für das Wichtigste von der Welt zu

halten, daß die Telegraphenstange sobald als nur irgend möglich wieder

hergestellt werde. Es waren Telegraphenstangenärzte. Um sie herum waren

Gimpel und Eichkätzchen auf Altfichten, Regen kam, Nebel und wieder Sonne;

aber immer war alles konzentriert auf die Errichtung der Telegraphenstange. Ihr

gehörte ihre ganze Sorge, sie war ein Teil des Weltgetriebes. Es gab Genies unter

diesen Arbeitern, die alles mit einem Schlag erfaßten, was zu tun war; dann

waren Bedächtige, Vorsichtige; und dann waren Tagarbeiter nach

vorgeschriebener Pflicht. Die ganze Menschheit also war eigentlich um diese

Telegraphenstange im fürstlichen Hochwald versammelt. Ich ging vorüber und

verteilte Trabukos, a la Kaiser Josef, nur billiger. Weshalb nicht?! Das Prager

Tagblatt hatte mir doch gerade für Nachdruckhonorare 9 Kr. geschickt.

Nachdrucken ist doch schon Ehre genug. Das Geld setzte ich teilweise in

Mäzenatentum und in Menschheitsbeglückung um. Die Arbeiter waren ganz

verblüfft. Einer sagte: „Auf der Liechtensteinstraße hat der Sturm einen halben

Meter dicke Bäume abgeschlagen!“ Diese Mitteilung war eine Art von Revanche

für meine Liebenswürdigkeit. „Ist es möglich?!“ sagte ich freundlich erstaunt,

und ging befriedigt von dannen.

Liebesgedicht

Niemand beachtete dich, edle, verschwiegene Goldrote, in dienender

Stellung.....

Ich zog dich hervor aus deinem Versteck und segnete dich.

Da wurden die anderen aufmerksam, schickten Blumen und Briefe....

Da zog ich mich zurück.

„Sind Sie eifersüchtig?!“ sagte sie.

„Nein, aber ich hasse die elende Dummheit der Männer, die erst einen alten

kranken glatzköpfigen Bettler brauchen.... Wer, wer sagte mir, daß man um Sie

sich grämen dürfe...?!?“

„Aber um Gotteswillen, irgend jemand muß einen doch entdecken, wozu

sind denn die Dichter da?!?“