Semmering 1912
Das Kino
Ich schleudere hiermit meinen Bannfluch gegen alle jene, die, in
„bestgemeinter Absicht“ oder aus Geschäftsinteresse, sich in neuerer Zeit gegen
die Kinotheater wenden! Es ist die beste, einfachste, vom öden Ich ablenkendste
Erziehung, besser jedenfalls, tausendmal besser als die bereits als „freche
Gaunerei“ entlarvte „Kunstdarbietung“, ausgeheckt in ehrgeizigen, verdrehten
Gehirnen und präpariert für den „seelischen Poker-Bluff“; infame Düpierung
einfach-gerader Menschenseelen! Im Kino erlebe ich die Welt; und selbst die
erfundenen Sketches sind schon, der Natur der Sache nach, auf edel-primitive
Wirkung hin gearbeitet, Seelenkonflikte a la „3 und 2 macht 5“, nicht aber
absichtlich 6 oder 7! Das Volk soll sich erheben für die Kinotheater und sich
nicht neuerdings in kleinsten und belanglosesten Angelegenheiten beschwatzen
und betören lassen von den „psychologischen Clowns“ der Literatur! Meine zarte
15jährige Freundin und ich, 52jähriger, haben bei dem Natursketch: „Unter dem
Sternenhimmel“, in dem ein armer französischer Schiffzieher seine tote Braut
flußaufwärts zieht, schwer und langsam, durch blühende Gelände, heiß geweint!
Wehe euch, deren „trockenen Geist“ wir „trockenen Herzens“ angeblich
begeistert genießen müssen! Wir müssen und wollen nicht!
Ein „berühmter Schriftsteller“ sagte zu mir: „Wir sind jetzt unter uns, was
finden Sie eigentlich Besonderes an den Kinovorstellungen?!?“
„Nein,“ sagte ich, „wir sind nicht unter uns, sondern Sie sind unter mir!“