Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 23 von 152

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Semmering 1912

Das Kino

 

Ich schleudere hiermit meinen Bannfluch gegen alle jene, die, in

„bestgemeinter Absicht“ oder aus Geschäftsinteresse, sich in neuerer Zeit gegen

die Kinotheater wenden! Es ist die beste, einfachste, vom öden Ich ablenkendste

Erziehung, besser jedenfalls, tausendmal besser als die bereits als „freche

Gaunerei“ entlarvte „Kunstdarbietung“, ausgeheckt in ehrgeizigen, verdrehten

Gehirnen und präpariert für den „seelischen Poker-Bluff“; infame Düpierung

einfach-gerader Menschenseelen! Im Kino erlebe ich die Welt; und selbst die

erfundenen Sketches sind schon, der Natur der Sache nach, auf edel-primitive

Wirkung hin gearbeitet, Seelenkonflikte a la „3 und 2 macht 5“, nicht aber

absichtlich 6 oder 7! Das Volk soll sich erheben für die Kinotheater und sich

nicht neuerdings in kleinsten und belanglosesten Angelegenheiten beschwatzen

und betören lassen von den „psychologischen Clowns“ der Literatur! Meine zarte

15jährige Freundin und ich, 52jähriger, haben bei dem Natursketch: „Unter dem

Sternenhimmel“, in dem ein armer französischer Schiffzieher seine tote Braut

flußaufwärts zieht, schwer und langsam, durch blühende Gelände, heiß geweint!

Wehe euch, deren „trockenen Geist“ wir „trockenen Herzens“ angeblich

begeistert genießen müssen! Wir müssen und wollen nicht!

Ein „berühmter Schriftsteller“ sagte zu mir: „Wir sind jetzt unter uns, was

finden Sie eigentlich Besonderes an den Kinovorstellungen?!?“

„Nein,“ sagte ich, „wir sind nicht unter uns, sondern Sie sind unter mir!“