Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 48 von 152

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Semmering 1912

Vor-Vorfrühling

 

11. Februar. Semmering. Ich versuchte es, nach drei Wochen Krankheit

auszugehen. Alles schwamm in Nebel und Nässe. Die Rodelwege waren nicht

mehr vorhanden, ein grauer Schlamm mit ein wenig Glatteis waren an ihrer

Stelle. Alles war schmutzig, ungepflegt, bereitete sich vor für sonnige

Frühlingstage, die trocknen, fegen und beleben sollten, vor allem aber mit der

Winterwirtschaft ein Ende machen. Denn weshalb noch hinziehen, was ohnedies

vergehen soll?! Um jedes Gebüsch herum waren tiefe Schneelöcher, die Dächer

trieften vor glänzender Nässe, ebenso die eisernen Straßengeländer.

Schneerosenknospen wuchsen überall, man stellte sie in Gefäße, aber sie

erblühten nicht, aus irgendeinem versteckten Grund. Man bedauerte die Vögel

nicht mehr, Krähen und Gimpel, obzwar sie jetzt ebensowenig zu fressen hatten

wie im starren Winter. Die, die das überstehen hatten können, würden auch das

noch überstehen. „Ein miserables Wetter“, sagen alle, obzwar es in seiner

Miserablität gerade rührend schön ist. Die Menschen ziehen sich zurück, wie vor

einem Menschen, der nicht mehr „sein Bestes“ leistet. Es ist nicht Fisch, nicht

Fleisch, sagen sie einfach. Nein, aber es ist rührendes Patschwetter. Ich finde es

nicht, daß es weniger anziehend ist als der starre Winter und der helle, klingende

Frühling. Der zerrinnende Schnee ergreift mich. Er war einst so herrschsüchtig,

so unerbittlich, so zäh-fest. Die „Champions“ liebten ihn, nun sind sie von ihm

abgefallen. Sie können ihre überschüssigen Lebenskräfte nicht mehr an ihm

erproben, schwächlich geworden, sucht er, gleichsam verlegen, in Bächlein

abzurinnen, zu verschwinden. Und man hatte ihn doch so sehr geliebt, direkt

verhätschelt, als er noch brauchbar war. Jetzt könnte man singen:

„Schnee, du wirst grau und schmutzig — — —

was ist mit dir?!

Zu nichts mehr bist du nütze — — —.

Willst du vielleicht sogar meinem geliebten Kinde einen Schnupfen

bringen?!? Du Schnee, dann, dann mag ich dich auch nicht mehr, verschwinde!“

Und im Gelände werden bald Primeln und Veilchen stehn, und ich werde sie

pflücken und sie dir nicht geben, das heißt äußerlich, vor den Menschen. Aber

vor Gott!