Semmering 1912
Vor-Vorfrühling
11. Februar. Semmering. Ich versuchte es, nach drei Wochen Krankheit
auszugehen. Alles schwamm in Nebel und Nässe. Die Rodelwege waren nicht
mehr vorhanden, ein grauer Schlamm mit ein wenig Glatteis waren an ihrer
Stelle. Alles war schmutzig, ungepflegt, bereitete sich vor für sonnige
Frühlingstage, die trocknen, fegen und beleben sollten, vor allem aber mit der
Winterwirtschaft ein Ende machen. Denn weshalb noch hinziehen, was ohnedies
vergehen soll?! Um jedes Gebüsch herum waren tiefe Schneelöcher, die Dächer
trieften vor glänzender Nässe, ebenso die eisernen Straßengeländer.
Schneerosenknospen wuchsen überall, man stellte sie in Gefäße, aber sie
erblühten nicht, aus irgendeinem versteckten Grund. Man bedauerte die Vögel
nicht mehr, Krähen und Gimpel, obzwar sie jetzt ebensowenig zu fressen hatten
wie im starren Winter. Die, die das überstehen hatten können, würden auch das
noch überstehen. „Ein miserables Wetter“, sagen alle, obzwar es in seiner
Miserablität gerade rührend schön ist. Die Menschen ziehen sich zurück, wie vor
einem Menschen, der nicht mehr „sein Bestes“ leistet. Es ist nicht Fisch, nicht
Fleisch, sagen sie einfach. Nein, aber es ist rührendes Patschwetter. Ich finde es
nicht, daß es weniger anziehend ist als der starre Winter und der helle, klingende
Frühling. Der zerrinnende Schnee ergreift mich. Er war einst so herrschsüchtig,
so unerbittlich, so zäh-fest. Die „Champions“ liebten ihn, nun sind sie von ihm
abgefallen. Sie können ihre überschüssigen Lebenskräfte nicht mehr an ihm
erproben, schwächlich geworden, sucht er, gleichsam verlegen, in Bächlein
abzurinnen, zu verschwinden. Und man hatte ihn doch so sehr geliebt, direkt
verhätschelt, als er noch brauchbar war. Jetzt könnte man singen:
„Schnee, du wirst grau und schmutzig — — —
was ist mit dir?!
Zu nichts mehr bist du nütze — — —.
Willst du vielleicht sogar meinem geliebten Kinde einen Schnupfen
bringen?!? Du Schnee, dann, dann mag ich dich auch nicht mehr, verschwinde!“
Und im Gelände werden bald Primeln und Veilchen stehn, und ich werde sie
pflücken und sie dir nicht geben, das heißt äußerlich, vor den Menschen. Aber
vor Gott!