Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 107 von 152

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Semmering 1912

Plauderei

 

Ausspruch eines fünfjährigen Mäderls:

„Wenn man alleweil brav ist, wissen die Leut’ dann gar nicht mehr, ob man

noch auf der Welt ist!“

Die Eltern tragen mir ununterbrochen Anekdoten über ihre vergötterten

Kindchen zu. Sie sind tief überzeugt davon, daß es gerade mich interessiere! Ich

interessiere mich auch wirklich dafür, daß sie alle so tief überzeugt davon sind,

daß ich mich dafür interessiere! Denn diesen schönen Schein zu erwecken, heißt

eben ein Dichter sein! Und als das möchte man doch gerne gelten, wenn man

schon weder Beruf noch Geld hat, nicht?!?

„Mein Knabe sagte mir gestern“, „mein Mäderl sagte mir vorgestern“, höre

ich alle Tage zehnmal. Ob eines dieser kleinen Mistviecherl einmal zu der

reichen Mama den genialen Ausspruch täte: „Mama, wenn du mich wirklich lieb

hast, dann gibst du diesem entzückenden alten kranken Dichter eine Monatsrate

von fünfzig Kronen — — —!“

Ausspruch eines sechsjährigen Mäderls beim Abschied vom Semmering:

„Ach, wie werde ich fürder ohne meinen geliebten Pinkenkogel und

Sonnwendstein existieren können?!“

Ich hätte gerne geantwortet: „Sehr gut wirst du fürder existieren können,

indem ich dir fürder für jeden affektierten, verlogenen, manierierten Ausspruch

deinen Hintern aushauen werde — — —!“