Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 87 von 152

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Semmering 1912

Betrachtungen

 

Der Schlitten war leicht wie eine Nußschale, aus braunem Stroh; die

Landschaft prangte weiß in weiß, die roten Ebereschen und die bunten Gimpel,

die schwarzen Krähen bemalten sie diskret und vornehm, fast nach japanischem

Geschmacke. Ich sprach mit der edlen Dame über zarte Dinge des Lebens. Die

edlen rehbraunen gedrungenen Pferde gaben die bekannten

Verdauungsgeräusche von sich, schienen also nicht nach „Prodromos“ sich zu

ernähren, sondern viel Unnötiges, Beschwerliches zu sich genommen zu haben,

wie Hafer samt den Spelzen, fi donc!

Wir überhörten gleichsam diese Geräusche, und dennoch kam es wie

„allgemeine Unzulänglichkeit“ der Lebewesen über uns, eventuell sogar

fanatisch geliebter Damen. Ich liebte einst ein wunderbar schönes 13jähriges

Schlossergesellentöchterchen, die mir einst sagte: „Behalten’s Ihre Briefe, es

steht ja eh immer nur dasselbe drin, ich weiß schon, Sie haben wieder wegen mir

die ganze Nacht geweint! Hab’ i Ihnen was angetan?! Na also, nur g’scheit sein!

Kaufens mir lieber 1/2 Kilo Ringlotten, wann’s mich schon so gern haben!“ Bei

einer solchen Gelegenheit ließ sie dann in der herzlichsten Weise kleine kurze

fast piepsende Geräusche hören, infolge des Ringlottengenusses. Ich sagte: „No,

no, was sind denn das für Liebeserklärungen?!“ Sie erwiderte: „Ah da schau’

her, wär’s Ihnen lieber, i sollt’s in mein Baucherl behalten, daß’s mich druckt?! A

schöne Lieb’ is das!“