Semmering 1912
So Sind Wir
Wir wollen aufrichtig sein, vor allem diesmal ich, Sophie B.; vielleicht für
alle meine Mitschwestern. Nichts ist rätselhafter für uns, als es zu sehen, wie
jemand uns gar nicht mehr lieb hat! Gar nicht mehr ein bißchen. Wir machen da
sozusagen nachträglich alle seine Qualen mit, und alle unsere vollkommen
unnötig gewesenen Grausamkeiten, Ungezogenheiten, Rücksichtslosigkeiten
usw. usw. Wie ein schreckliches Bild zieht es an uns vorüber, nebelhaft, und
dennoch schreckhaft deutlich! Ja, wir waren Königinnen, wie Chinas mysteriöse
Beherrscherin einst, und nun sind wir entthront! Man bittet uns nicht mehr um
Gottes willen um eine Haarlocke, man versucht es nicht mehr, unser Knie unter
dem Tisch sanft zu berühren! Wir sind entthront, entwertet und verstoßen! Wir
haben uns „Herzen“ entfremdet; und Gott will das nicht. Das heißt, Er hat nichts
dagegen, falls es sein muß, aber es soll in Seiner Milde, in göttlicher Milde vor
sich gehen, so zart behutsam, daß wir alle Tränen trocknen, die seit Monaten um
uns geflossen sind! Mit Kranken schreit man nicht herum! Wir haben nie seine
Briefe verstanden, in denen er uns doch ganz verständlich mitteilte, er habe
unseretwegen die ganze Nacht geweint. Jetzt verstehen wir diese Briefe, die wir
bereits zerrissen haben!
Also, da sitzt er nun vor uns, der einst ein Narr in unseren Augen war, und
unsere ausgespuckten Traubenschalen liebevollst in seinen Mund nahm!
Da sitzt er nun vor uns. Wir sind ihm nichts. Er schaut, und ist selbst
verständnislos geworden!
Oh — — — oh — — —! Wie schade!
Unser Atem ist ihm nicht mehr süß — — — vielleicht ekelt er ihn sogar
— — —!