Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 25 von 152

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Semmering 1912

So Sind Wir

 

Wir wollen aufrichtig sein, vor allem diesmal ich, Sophie B.; vielleicht für

alle meine Mitschwestern. Nichts ist rätselhafter für uns, als es zu sehen, wie

jemand uns gar nicht mehr lieb hat! Gar nicht mehr ein bißchen. Wir machen da

sozusagen nachträglich alle seine Qualen mit, und alle unsere vollkommen

unnötig gewesenen Grausamkeiten, Ungezogenheiten, Rücksichtslosigkeiten

usw. usw. Wie ein schreckliches Bild zieht es an uns vorüber, nebelhaft, und

dennoch schreckhaft deutlich! Ja, wir waren Königinnen, wie Chinas mysteriöse

Beherrscherin einst, und nun sind wir entthront! Man bittet uns nicht mehr um

Gottes willen um eine Haarlocke, man versucht es nicht mehr, unser Knie unter

dem Tisch sanft zu berühren! Wir sind entthront, entwertet und verstoßen! Wir

haben uns „Herzen“ entfremdet; und Gott will das nicht. Das heißt, Er hat nichts

dagegen, falls es sein muß, aber es soll in Seiner Milde, in göttlicher Milde vor

sich gehen, so zart behutsam, daß wir alle Tränen trocknen, die seit Monaten um

uns geflossen sind! Mit Kranken schreit man nicht herum! Wir haben nie seine

Briefe verstanden, in denen er uns doch ganz verständlich mitteilte, er habe

unseretwegen die ganze Nacht geweint. Jetzt verstehen wir diese Briefe, die wir

bereits zerrissen haben!

Also, da sitzt er nun vor uns, der einst ein Narr in unseren Augen war, und

unsere ausgespuckten Traubenschalen liebevollst in seinen Mund nahm!

Da sitzt er nun vor uns. Wir sind ihm nichts. Er schaut, und ist selbst

verständnislos geworden!

Oh — — — oh — — —! Wie schade!

Unser Atem ist ihm nicht mehr süß — — — vielleicht ekelt er ihn sogar

— — —!