Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 32 von 152

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Semmering 1912

Ein Brief

 

Sehr geehrte gnädige Frau!

 

Sie wollen „glücklich“ sein? Das ist schrecklich! Beethoven, Schiller, Hugo

Wolf, Novalis, Lenau waren nicht glücklich. Mit welchem Rechte wollen Sie

also glücklich sein? Mit dem Rechte der „Inferiorität?“ Aber darauf haben Sie

keinen legitimen Anspruch, da Sie es doch nicht sind! Sie erzählen mir, daß

irgend jemand um Sie bange war, um Sie geweint hat? Erzählen Sie mir doch

lieber, daß Sie um irgend jemand besorgt waren, geweint haben! Sie sagen mir,

was man von Ihnen halte? Sagen Sie mir doch lieber, was Sie von den andern

halten! Sagen Sie mir, von wem Sie schwärmen, und sagen Sie mir nicht, wer

von Ihnen schwärmt! Ihre eigene Welt ist gerade so wie sie ist, aber die Welt der

andern, der „Nicht-Sie-Seienden“, die ist eine Bereicherung Ihres Denkens, Ihres

Fühlens! Zeugnisse mit ausgezeichneten Referenzen sich von Nichtverstehern

ausstellen lassen, ist eine allzu billige Befriedigung! Sind Sie die Duse, die

Yvette Guilbert, die Else Lehmann! Nun also! Sagen Sie stets: „Ich verehre!“

sagen Sie niemals: „Ich werde verehrt!“ Ein „labiles Selbstbewußtsein“ ist an

und für sich „unkünstlerisch“! Sei, der du bist! Nicht mehr, nicht weniger! Wenn

Sie vom „Russischen Ballett“ schwärmen, von Nidjinsky, von der Karsawina,

von der Niedermetzelung der Haremswächter, von den russischen

Volksmelodien, von den Damen in den Logen und den Silberreifen um ihre

süßen Lockenköpfe, von Samthemden in Violett und Grasgrün, die alles

verbergen wie edel-verschwiegene schwere Portieren — dann, dann sind Sie Sie

selbst! Eine Aufsaugerin der Schönheiten der Welt, eine Bereicherte! Aber wenn

Sie von sich selbst sprechen, werden Sie armselig! Eine, die erzählt, man habe

ihr ein Almosen gegeben; eine Bettlerin an der Brücke, die hinüberführt ins

„Versorgungshaus des Lebens“!