Semmering 1912
Ein Brief
Sehr geehrte gnädige Frau!
Sie wollen „glücklich“ sein? Das ist schrecklich! Beethoven, Schiller, Hugo
Wolf, Novalis, Lenau waren nicht glücklich. Mit welchem Rechte wollen Sie
also glücklich sein? Mit dem Rechte der „Inferiorität?“ Aber darauf haben Sie
keinen legitimen Anspruch, da Sie es doch nicht sind! Sie erzählen mir, daß
irgend jemand um Sie bange war, um Sie geweint hat? Erzählen Sie mir doch
lieber, daß Sie um irgend jemand besorgt waren, geweint haben! Sie sagen mir,
was man von Ihnen halte? Sagen Sie mir doch lieber, was Sie von den andern
halten! Sagen Sie mir, von wem Sie schwärmen, und sagen Sie mir nicht, wer
von Ihnen schwärmt! Ihre eigene Welt ist gerade so wie sie ist, aber die Welt der
andern, der „Nicht-Sie-Seienden“, die ist eine Bereicherung Ihres Denkens, Ihres
Fühlens! Zeugnisse mit ausgezeichneten Referenzen sich von Nichtverstehern
ausstellen lassen, ist eine allzu billige Befriedigung! Sind Sie die Duse, die
Yvette Guilbert, die Else Lehmann! Nun also! Sagen Sie stets: „Ich verehre!“
sagen Sie niemals: „Ich werde verehrt!“ Ein „labiles Selbstbewußtsein“ ist an
und für sich „unkünstlerisch“! Sei, der du bist! Nicht mehr, nicht weniger! Wenn
Sie vom „Russischen Ballett“ schwärmen, von Nidjinsky, von der Karsawina,
von der Niedermetzelung der Haremswächter, von den russischen
Volksmelodien, von den Damen in den Logen und den Silberreifen um ihre
süßen Lockenköpfe, von Samthemden in Violett und Grasgrün, die alles
verbergen wie edel-verschwiegene schwere Portieren — dann, dann sind Sie Sie
selbst! Eine Aufsaugerin der Schönheiten der Welt, eine Bereicherte! Aber wenn
Sie von sich selbst sprechen, werden Sie armselig! Eine, die erzählt, man habe
ihr ein Almosen gegeben; eine Bettlerin an der Brücke, die hinüberführt ins
„Versorgungshaus des Lebens“!