Semmering 1912
Vollkommenheit
Vollkommenheit ist ein heutzutage ganz mißverstandenes Wort. Man sagt:
Gustav Klimt, der vollkommene moderne Maler; Frau Bahr-Mildenburg, die
vollkommene Wagner-Darstellerin; Oberbaurat Otto Wagner, der vollkommene
Architekt; Peter Altenberg, der vollkommene Skizzenschreiber, Karl Kraus, der
vollkommene „Angreifer, Verhöhner, Vernichter“! Aber vollkommen kann ein
jeder sein, in jeglicher Sache! Ein Orangenverkäufer kann vollkommen sein,
wenn er den Geschmack, den Saftgehalt, den Zuckergehalt jeder Orange oder
Mandarine schon von außen, gleichsam durch die Schale hindurch, erkennt mit
unfehlbarer Sicherheit! Ein Kastanienbrater kann vollkommen sein, wenn er das
Gefühl dafür hat, wann und unter welchen Umständen seine Kastanien schön
gleichmäßig goldgelb gebraten sind, ohne bräunliche schwarze harte Stellen zu
bekommen. Ein Bar-Mixer kann vollkommen sein, eine liebende Frau, ein
stichelhaariger Foxterrier, eine Hemdenputzerin, ein Kommis, in seiner Art zu
bedienen, ein Koch, eine Stenographin, kurz: alle, alle, alle, insofern sie in ihrer
Sache das Vollkommenste leisten! Pereant die protokollierten Firmen des
allgemeinen succès; es leben hoch die Unbekannten, die göttlich singen beim
Waschen und Anziehen, ohne an der Hofoper engagiert zu sein! Es leben die
exzeptionellen Weber und Tuchfabrikanten, es lebe die kroatische, bosnische,
ungarische, schottische, irländische, dänische, schwedische Hausindustrie! Was
vollkommen ist, ist vollkommen, worin immer es sich auch betätige!