Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 5 von 152

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Semmering 1912

Gartengedanken

 

Ich habe nichts hinzugelernt durch das ausgezeichnete Buch

„Gartengestaltung der Neuzeit“, und dennoch habe ich das Höchste profitiert —

die Festigung meiner Intuitionen! Gärten wirkten seit jeher auf mich wie die

Natur selbst; so eine eingefangene und dennoch freigelassene Natur, ein Extrakt

derselben! Unser Wiener Rathauspark ist mir ein Muster, nur fehlt ihm die

romantische Verwendung von Wasser in Form von unregelmäßigen Bassins und

Wiesenbächlein samt Wasser- und Sumpfpflanzen! Ich schrieb schon vor 15

Jahren eine Skizze: „Der Farbengarten“. Zum Beispiel Graufichte, Picea

pungens glauca, graue Bodenbedeckungspflanzen, grauer Steinbrunnen und

Rosen, Rosen, Rosen. Irgendwo an einem Baumast ein silberner großer Käfig

mit einem grauen Papagei, Lori! Zwei-Farben-Gärten! Nun einige Anregungen:

weite Rasenflächen sind still-aristokratisch, werden aber durch alte, knorrige,

spärlich unregelmäßig hingesetzte Obstbäume sofort bewegt-romantisch! Es

dürfte nie heißen: ein Garten, sondern immer nur: sein Garten. Goethe hat einen

andern Garten als Victor Hugo.

Wasserpflanzen und Steinpflanzen erfordern Bassins und Mauern. Diese

können aber nicht diskret bescheiden genug sein. Der Kurpark in Baden bei

Wien entspringt gleichsam einer dunklen, echten Waldquelle, die die

Wiesenabhänge herabstürzt, sich zerteilend und winzige Tümpel bildend. Hier

ist die Natur am allerdiskretesten organisiert! Ein enragierter Feind jedoch bin

ich seit jeher der Teppichbeete, die mir wie als Smyrnateppiche mißbrauchte

Blumenpracht erscheinen. Man überlasse diese stilisierten Farbensymphonien

den Webern und Knüpfern. Ich bin gegen die Riesenlineale, Riesenzirkel,

gespannten Stricke der Gartenkunst! Rhabarber erscheint im Gemüsegarten als

Nutzpflanze, an Teichen jedoch als Wildstaude, pittoresk. Jeder Platz eine andere

Welt!

Waldrebe, Klematis, ist, an alten Bäumen, unsre „Liane des Urwalds“. Der

Boden ist so reich, daß er auch noch die Schmarotzer in Üppigkeit erhalten kann.

Immergrün als Bodenbedeckung ist ein natürlicher Rasen. Rasen braucht doch

Schneiden, Spritzen, Walzen und Düngen. Rasen will „gepflegt, gehegt“ werden.

Immergrün ist einfach immer grün. Es läßt den Wurzeln aller andern Pflanzen das Regenwasser, das Gießwasser, das Tauwasser, das Schneewasser, während

der Rasen sich vollsauft und andre verdursten läßt! Selbst im Winter gibt Sedum

spurium noch einen lebendigen bräunlichgrünen Bodenüberzug, während unser

Rasen dann nur „Winterlieder zum Cello“ in der Seele hervorbringt. Sedum

spurium wirkt körperlicher, plastischer, naturgemäßer, dichter, verworrener als

Rasen, der mir stets den Eindruck von geschnittenem Samt und Plüsch

hinterläßt.

Ich bin sehr für Trockenmauerwerk mit schmiedeeisernen Geländern und

dicht bepflanzt mit Kapuzinerkresse. Wie wenn die überstarke Natur auch da

noch Stein und Eisen schmücken möchte mit Grün und Dunkelgelb. Zur

Schlingpflanze gehört ihre Stütze. Man soll sie sehen, sie ist ein naturgemäßer

Schmuck. Ihr Holzgitterwerk kann daher sogar aus Edelholz sein, oder in

diskreten Ölfarben, Ocker, Ruß, steingrau. Ich weiß nicht, weshalb man nicht an

niederen Ästen von exotischen Bäumen, Tulpenbaum, Trompetenbaum,

herrliche Käfige mit exotischen Vögeln aufhängt, so als Urwaldstaffage?!

Brombeere, Himbeere, Kletterrose sind mir ein sympathisches Dickicht, so

Dornröschenwald, undurchdringlich einsam. Weshalb sind Villen nicht dicht

bedeckt mit Bauerngärtengeranke?! Ein Überfluß der Reichen und der Armen.

Steinplattenwege im Garten, in deren Fugen Blumen sprießen, sind

romantisch. Das Haus ströme gleichsam in den Garten aus, erweitere sich,

erhöhe sich zum Garten, verliere seine Bedachungen, an deren Stelle der blaue

Himmel, die graue Wolke tritt. Ich sah an einem Lindenpark ein dickes rotes

Backsteinportal mit eichener Holztür. Da können keine Talmimenschen wohnen,

sondern nur gediegene. Grellrote Holzpforte zwischen Granitmauern. Gelbe

Eschenholzpforte zwischen weiß-schwarzen Betonmauern.

Weiße Rankrosen geben Märchenstimmung. Gartenlaube am Wasser,

Nachmittagstraumplatz. Buchenjungwald, wunderbar im Vorfrühling und im

Spätherbst. Ein Teppich von raschelnden braunen Blättern darunter. „Warte nur,

balde ruhest du auch!“

Weshalb bepflanzt man die Bergwiesen in Berggärten (Semmering) nicht

dicht mit Wacholder, Rhododendron, Zirbelkiefer, das, was Rax und Schneeberg

von selbst leisten in ihrem künstlerischen Naturgeschmack?! Stauden vor

Gebüsch, ein ideales Ausklingen! Birken, Schlehen, Eriken, und schon ahnst du

den Sandboden der „Mark“. Mit gewissen Pflanzen kannst du ferne Gegenden

herzaubern! Meine Lieblingsbäume: Lärche, Graufichte, Knieholz, Blutbirke,

Rotbuche, Weide! Wasser, Wasser, fließend oder stehend, du bist der Dichter in

dieser Realität: Landschaft! Du bringst die Romantik, die Musik der Landschaft!

 

Des Teiches Stille singt des Lebens Schwermut.

Des Baches Murmeln klingt wie Wiegenkindes Plaudern aus dem Traum.

Der Wasserfall singt dir von einer Welt, deren Getöse auch nicht mehr

enthält!

Springbrunnen’s Melodie bei Tag und Nacht,

die sanften Herzen melancholisch macht.

Der Sommerregen trommelt auf hunderttausend Blätter,

dürstenden Blumen zärtlicher Erretter!

Über dem Gartensumpf schwirrt die Libelle,

Vom Froschsprung klagt ans Ufer eine Welle!

Gießkannen rieseln sanft auf schwarze Erde,

damit die Pracht des Sommers baldigst werde!

Hörst du dem Brünnlein lange, lange zu,

kommt über dich unmerklich Fried’ und Ruh’!

Oh Mensch, worauf willst du denn ewig warten?!

Such’ deine kleine große Welt in deinem Garten!