Semmering 1912
Sanatorium für Nervenkranke
(aber nicht die, in denen ich mich befand!)
Morgenvisite.
Der Doktor sitzt, wie ein Staatsanwalt ernst blickend und forschend, an
einem riesigen Schreibtische.
Der Delinquent (Patient) tritt ein.
„Bitte, nehmen Sie Platz — — —.“
Pause, in der der Staatsanwalt (Arzt) den Verbrecher mustert, ob Paralyse
oder Simulation vorhanden sei — — —.
„Also, mein lieber Peter Altenberg, ich kenne Sie nämlich schon seit
langem aus Ihren interessanten Büchern, und erlaube mir daher den
konventionellen Titel „Herr“ bei einem berühmten Manne wie Sie wegzulassen.
Ihre Verehrerinnen apropos sollen Sie ja direkt mit ‚P. A.‘ titulieren!? Diese
Ehrenabkürzung wage ich bisher noch nicht — — —.
Aber zur Sache! Also, mein lieber Peter Altenberg, was werden wir denn
zum Frühstück nehmen?!?“
„Wir?! Das weiß ich nicht. Aber ich selbst nehme Kaffee, hellen
Milchkaffee — — —.“
„Kaffee?! So?! Also Kaffee, hellen Milchkaffee — — —?!? Also schön,
Kaffee — — —!“
„Ja, bitte, es ist mein gewöhnliches Getränk, an das ich seit dreißig Jahren
gewöhnt bin — — —.“
„Ganz gut. Aber Sie sind eigentlich hier, um sich von Ihrer bisherigen
Lebensweise, die Ihnen anscheinend bisher nicht besonders genützt hat, zu
entwöhnen, vielmehr die nötige Energie zu akquirieren, solche Veränderungen
Ihrer gewohnten, ja vielleicht allzu gewohnten Lebensweise allmählich
wenigstens vorzunehmen!?! Nun, bleiben wir also vorläufig beim Milchkaffee.
Aber weshalb diese dezidierte Aversion gegen Tee?! Man kann auch Tee mit
Milch verdünnt trinken — — —?!“
„Ja, aber ich pflege Milchkaffee zu trinken — —.“
„Haben Sie, Herr Altenberg, einen bestimmten Grund, den Genuß von Tee
des Morgens für Ihre Nerven für unzukömmlich zu halten?!?“
„Ja; weil er mir nicht schmeckt — — —.“
„Aha, das wollte ich eben nur wissen. Also, mein lieber Herr, was nehmen
Sie denn zu Ihrem so geliebten und anscheinend unentbehrlichen Milchkaffee
dazu?!?“
„Dazu?! Nichts!“
„Nun, irgend etwas Konsistentes müssen Sie doch dazu nehmen! Ein leerer
Kaffee schmeckt einem ja gar nicht — — —.“
„Nein, ich nehme nichts dazu; mir schmeckt nur ein leerer Milchkaffee
— — —.“
„Nun, mein sehr geehrter Herr, bei uns geht das eben nicht. Sie werden mir
freundlichst die Konzession machen müssen von zwei Buttersemmeln — — —.“
„Ich hasse Butter, ich hasse Semmeln, aber noch mehr hasse ich
Buttersemmeln!“
„Nun, diesen Haß werden wir schon noch besiegen! Ich habe schon
schwierigere Kunststücke fertiggebracht, mein Lieber — — —. So, und jetzt
begeben Sie sich stillvergnügt zu Ihrem Frühstück in der Veranda. Noch eins:
Pflegen Sie nach dem Frühstück auszuruhen?!?“
„Je nachdem — — —.“
„Je nachdem gibt es nicht. Entweder Sie ruhen oder Sie machen Bewegung
— — —.“
„Also dann werde ich ruhen — — —.“
„Nein, dann werden Sie eine halbe Stunde lang gehen — — —!“
Der Delinquent verläßt wankend das Amtszimmer und begibt sich zum
Strafantritte auf die Veranda zum Frühstücke, verschärft durch zwei
Buttersemmeln.
Einige Tage später. Der Staatsanwalt: „Nun, sehen Sie, mein lieber
berühmter Dichter, Ihr Gesichtsausdruck ist schon ein viel freierer, ich möchte
sagen, ein menschlicherer, nicht so präokkupiert von fixen Ideen — — —.
Haben Ihnen die zwei Buttersemmeln geschadet?! Na also!“
Nein, sie hatten ihm nicht geschadet, denn er hatte sie täglich im
Hühnerhofe verteilt — — —.
Nachmittagsvisite.
„Herr Peter Altenberg möchten sogleich zum Herrn Direktor komme
— — —.“
„Setzen Sie sich, bitte.
Ich habe Ihnen den Alkoholgenuß strengstens untersagt — — —.“
„Jawohl, Herr Direktor — — —.“
„Kennen Sie diese ganze Batterie von leeren Sliwowitz-Flaschen?!?“
„Jawohl, es sind die meinen — — —.“
„Man hat sie heute unter Ihrem Bette aufgefunden — — —.“
„Ja, wo sollte man sie denn sonst auffinden?! Ich habe sie ja dort deponiert
— — —.“
„Wie haben Sie sich das Gift in meiner Anstalt verschafft?!“
„Ich bestach jemanden. Sein ehrliches Gewissen ließ es bei zwei Kronen
nicht zu. Da offerierte ich ihm drei Kronen.“
„Sie sind also unschuldig an der ganzen Sache, sondern der ungetreue
Diener ist der Schuldige! Ich werde ihn zur Rechenschaft ziehen, obzwar er
bereits fünfundzwanzig Jahre im Hause ist und er sich, soweit ich es übersehen
konnte, stets einer tadellosen Konduite erfreut hat — — —.“
„Herr Direktor, Sie haben mir doch noch gestern gesagt, daß ich in Ihrer
Anstalt und durch das regelmäßige solide Leben hier mich um zwanzig Jahre
direkt verjüngt hätte und fast gar nicht mehr wiederzuerkennen sei?!?“
„Das sagte ich aus pädagogischen Gründen, um Ihr Selbstbewußtsein zu
stärken — — —.“
„Herr Direktor, darf ich mir die leeren Sliwowitz-Flaschen bei Ihnen später
abholen lassen ?!? Ich bekomme nämlich für jede sechs Heller retour — —.“
Direktor zu dem unredlichen Angestellten: „Sie Anton, wie konnten Sie
sich unterstehen, nach fünfundzwanzig tadellosen Dienstjahren, einem Patienten,
und sei es auch ein berühmter Dichter mit Eigenheiten, solche Mengen
Branntwein gegen Bestechung zu verschaffen?!?“
„Aber Herr Direktor, wenn ich das nicht schon seit Jahren bei hundert
Alkoholikern getan hätte, wäre uns ja ein jeder schon am dritten Tag
davongegangen, und wir hätten unsere Anstalt leer stehen gehabt!“
„Nun gut, Anton, aber sorgen Sie wenigstens dafür von nun an, daß die
leeren Flaschen nicht gefunden werden — — —.“
„Herr Direktor, das hat mir der Diener Franz angetan, aus Rache, weil ich
mir soviel nebenbei verdiene — — —.“
Direktor zum Diener Franz: „Sie, Franz, kümmern Sie sich um Ihre eigenen
Angelegenheiten! Sie verdienen genug, indem Sie unsere Alkoholiker mit
unseren Hysterikerinnen ein wenig ‚anbandeln‘ lassen — — —. Ein jeder hat
sein Ressort. In einer Anstalt muß Ordnung herrschen!“