Semmering 1912
Erziehung
Ich habe einen scharfen Blick für Mütter, die die „Persönlichkeit“ ihres
geliebten Kindchens achten und berücksichtigen. Es sind das sogenannte
Künstlernaturen des Lebens selbst! Sie betrachten ihr Kindchen als ein von
ihnen geschaffenes „lebendiges Kunstwerk“, apart und vor allem den meisten
unverständlich, die mit dem Ausspruche: „ein ganz nettes Kind, nichts weiter“,
ihre künstlerische Unfähigkeit klar erweisen. Merkwürdigerweise funktionieren
so brutal-verallgemeinernd fast alle Väter, die immer nur den Herrn Hofrat
wittern, der einst, in der Ferne, erscheinen soll und zu dem Kindchen sagen soll:
„Du bist mein alles!“ Daß das gar kein Kompliment sein wird für das
Töchterchen, spüren sie nicht! Du bist mein alles, ja, aber wessen alles, darauf
kommt es an! Viele Mütter hingegen haben eine künstlerische melancholische
Zärtlichkeit. Sie teilen das Leben ihres Kindchens in „interessante, spannende,
merkwürdige Lebenskapitel“ ein, sind selbst äußerst gespannt, wie der Roman
enden werde, während die Väter ein biblisches Dogma aufstellen, über das das
Leben jedoch nur ein flüchtiges Lächeln hat. Mütter wissen, wie ihr Kindchen
geht, steht, sitzt, wann es verlegen ist oder düster, Väter wissen höchstens, ob es
„Stuhl“ gehabt habe, und das wissen sie nicht einmal. Ein schreckliches Wort
leitet sie durchs ganze Leben ihres Kindes, das Wort „gediegen“. Alles soll
„gediegen“ sein, die Lehrer, die Gouvernanten, der „Zukünftige“, der
„Charakter“. Das ganze kommt mir vor, wie das Wort „gediegenes Gold“, das
auszusprechen schon eine Art Berauschungsmittel ist! Ich glaube nicht, daß
Eleonora Duse, Sarah Bernhardt, Yvette Guilbert, Fanny Elsler, Adelina Patti,
Bird Millman, Barbarina Campanini sehr „gediegen“ waren, jedesfalls war es
eine höchst nebensächliche Eigenschaft dieser Damen, deren Väter jedesfalls
auch nur sich „Gediegenheit“ erwünscht hatten für ihre Töchterchen! Mütter
„beobachten“ das Leben ihrer Kinder, Väter schreiben es ihnen vor! Sie sind
selbst durch Beruf, Sorge, Eitelkeit, Ehrgeiz, Konkurrenz, Rücksichten
Geknechtete des Daseins, erwünschen dasselbe daher ihren Sprößlingen.
Künstlerisch empfindsame Mütter hingegen trauern um ihr eigenes
Lebensgefängnis, möchten ihren geliebten Töchterchen den weißen Flug gönnen
ins „romantische Land“!