Semmering 1912
Der Anfang
Der Anfang, der Anfang ist immer das Interessanteste, Wahrhaftigste,
wirklich Merkwürdigste und eigentlich noch niemals Dagewesene, trotz
hunderttausend Beispielen derselben Art. Später haspelt sich alles ab, wie es
muß, und das Ende ist immer, immer verlogen und komödiantenhaft. Aber der
Anfang, der Anfang, da ist noch keinerlei Routine, und da ist der schöne
merkwürdige Zufall, daß man überhaupt in diesem Ozean des Lebens sich
kennen lernte!
Man sagte mir immer: „Gehe doch hin zu ihr ins Sekretariat, sie fragt
immer nach dir — — —.“ Endlich ging ich hin. Sie saß bei der elektrischen
Lampe und las „Pasqual“. Ich dachte: „Da du es nicht wissen konntest, daß ich
kommen würde, ist es eine bedeutsame Lektüre für eine Siebzehnjährige.“ Da
ich aber nur den Namen des Autors kannte, sprach ich wie immer über
Verdauungshygiene. Plötzlich entstand Kurzschluß und es wurde im ganzen
kleinen Palais finster. Ich sprach weiter und erklärte, daß der „obstipierte“
Mensch unmöglich irgendwelche besondere geistige und seelische Qualitäten
besitzen könne und daß Pasqual, der da aufgeschlagen vor ihr läge, jedenfalls
und unbedingt, seinen Geist, falls er einen besonderen und hervorragenden
gehabt habe, nur durch „Tamar Indien Grillon“ sich habe erwerben können, es
wäre denn, daß ein gütiges Schicksal ihm von Natur aus unter die Arme
gegriffen hätte! Der Kurzschluß wurde repariert; es wurde wieder licht, und die
junge Dame sagte:
„Ich habe schon längst bemerkt gehabt, daß Sie tadellose Frauenhände
besäßen, so verklärte. Gestatten Sie, daß ich dieselben berühre?!“
„Bitte sehr — — —“ erwiderte ich.
Das war der Anfang.