Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 150 von 152

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Semmering 1912

Der Anfang

 

Der Anfang, der Anfang ist immer das Interessanteste, Wahrhaftigste,

wirklich Merkwürdigste und eigentlich noch niemals Dagewesene, trotz

hunderttausend Beispielen derselben Art. Später haspelt sich alles ab, wie es

muß, und das Ende ist immer, immer verlogen und komödiantenhaft. Aber der

Anfang, der Anfang, da ist noch keinerlei Routine, und da ist der schöne

merkwürdige Zufall, daß man überhaupt in diesem Ozean des Lebens sich

kennen lernte!

Man sagte mir immer: „Gehe doch hin zu ihr ins Sekretariat, sie fragt

immer nach dir — — —.“ Endlich ging ich hin. Sie saß bei der elektrischen

Lampe und las „Pasqual“. Ich dachte: „Da du es nicht wissen konntest, daß ich

kommen würde, ist es eine bedeutsame Lektüre für eine Siebzehnjährige.“ Da

ich aber nur den Namen des Autors kannte, sprach ich wie immer über

Verdauungshygiene. Plötzlich entstand Kurzschluß und es wurde im ganzen

kleinen Palais finster. Ich sprach weiter und erklärte, daß der „obstipierte“

Mensch unmöglich irgendwelche besondere geistige und seelische Qualitäten

besitzen könne und daß Pasqual, der da aufgeschlagen vor ihr läge, jedenfalls

und unbedingt, seinen Geist, falls er einen besonderen und hervorragenden

gehabt habe, nur durch „Tamar Indien Grillon“ sich habe erwerben können, es

wäre denn, daß ein gütiges Schicksal ihm von Natur aus unter die Arme

gegriffen hätte! Der Kurzschluß wurde repariert; es wurde wieder licht, und die

junge Dame sagte:

„Ich habe schon längst bemerkt gehabt, daß Sie tadellose Frauenhände

besäßen, so verklärte. Gestatten Sie, daß ich dieselben berühre?!“

„Bitte sehr — — —“ erwiderte ich.

Das war der Anfang.