Semmering 1912
Testament
Er hatte in sein Testament (der Ertrag seiner neun Bücher nach seinem
Tode) die 12jährige Schönheit mit der jauchzenden, klingenden, bezaubernden
Stimme eingesetzt. Aber da sie Millionärstöchterlein war, hatte er bestimmt, daß
von dem Gelde sogenannte „Geschenke eines Verstorbenen“ zu kaufen seien,
außergewöhnliche Dinge, z. B. eine besondere Bergkristalldruse, oder ein
besonderes holzgeschnitztes Christuskreuz. Da erfuhr er, daß man eine Kollekte
gemacht hatte im intimen Kreise für einen Winterrock seines Bruders, eines
modernen Diogenes. Da stieß er das Testament um, bestimmte nur, daß der
Bruder an jedem 9. April, dem Geburtstage seiner kleinen Heiligen, derselben
eine exzeptionelle Sache als „Geschenk eines Verstorbenen“ zu senden habe!
Der Bruder dachte Tag und Nacht über solch ein Geschenk nach. Da schrieb die
Heilige: „Ich will Ihnen Ihre Mission erleichtern. Schenken Sie mir nur das
Manuskript des „Ein schweres Herz“. Er nahm es aus dem Schreine von gelbem
Eibenholz, küßte es innig, und schickte es fort. Er fühlte: „Ich bin der Vermittler
eines letzten Willens. Sie hat mir meine Aufgabe erleichtert, indem sie sie
erschwert hat! Nur Opfer belohnen sich! Ich hatte schon eine herrliche
Bergkristalldruse aus den Tauern erstanden, mit Kristallen wie geschliffenes,
gefrorenes Bergwasser. Aber das ist nun also für den nächsten 9. April!“
Sie schrieb: „Nun habe ich das Herz Ihres Bruders!“
„Nein“, fühlte er, „ich habe es, indem ich es weggegeben habe!“