Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 76 von 152

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Semmering 1912

Testament

 

Er hatte in sein Testament (der Ertrag seiner neun Bücher nach seinem

Tode) die 12jährige Schönheit mit der jauchzenden, klingenden, bezaubernden

Stimme eingesetzt. Aber da sie Millionärstöchterlein war, hatte er bestimmt, daß

von dem Gelde sogenannte „Geschenke eines Verstorbenen“ zu kaufen seien,

außergewöhnliche Dinge, z. B. eine besondere Bergkristalldruse, oder ein

besonderes holzgeschnitztes Christuskreuz. Da erfuhr er, daß man eine Kollekte

gemacht hatte im intimen Kreise für einen Winterrock seines Bruders, eines

modernen Diogenes. Da stieß er das Testament um, bestimmte nur, daß der

Bruder an jedem 9. April, dem Geburtstage seiner kleinen Heiligen, derselben

eine exzeptionelle Sache als „Geschenk eines Verstorbenen“ zu senden habe!

Der Bruder dachte Tag und Nacht über solch ein Geschenk nach. Da schrieb die

Heilige: „Ich will Ihnen Ihre Mission erleichtern. Schenken Sie mir nur das

Manuskript des „Ein schweres Herz“. Er nahm es aus dem Schreine von gelbem

Eibenholz, küßte es innig, und schickte es fort. Er fühlte: „Ich bin der Vermittler

eines letzten Willens. Sie hat mir meine Aufgabe erleichtert, indem sie sie

erschwert hat! Nur Opfer belohnen sich! Ich hatte schon eine herrliche

Bergkristalldruse aus den Tauern erstanden, mit Kristallen wie geschliffenes,

gefrorenes Bergwasser. Aber das ist nun also für den nächsten 9. April!“

Sie schrieb: „Nun habe ich das Herz Ihres Bruders!“

„Nein“, fühlte er, „ich habe es, indem ich es weggegeben habe!“