Semmering 1912
Echt
Ich bin sehr skeptisch in bezug auf Empfindungen. Festliche Stimmung bei
Geburtstagsjausen, bedenkliche Gesichter bei schweren Krankheitsfällen können
mir noch lange nicht imponieren. Ich kenne diese „Rolle“ wohlerzogener Leute.
Darüber mehr zu sagen, wäre eine Banalität, obzwar auch dieses wenige schon
eine beträchtliche ist. Aber eine Empfindung gibt es, die nicht unecht ist, das ist
das klägliche Aufheulen, ähnlich wie Hunde beim Klavierspielen, der
allernächsten Angehörigen, in dem Augenblicke, da der Sarg aus dem
Schlafzimmer hinausgetragen wird. Da gibt es kein Schluchzen, kein adieu, kein
Lebewohl, kein oh und kein ach. Da gibt es nur ein klägliches erschreckendes
Aufheulen, ein Winseln, wie wenn man den liebevollen Hund aussperrt, ihm die
Türe vor der Nase zuschlägt. Freilich „derfangt“ man sich sogleich wieder, von
den „nicht allernächsten“ Verwandten liebevoll gestützt, und wankt zu Hut,
Handschuhen und Schirm. Der Leichenwagen wartet nämlich.
Aber dieser eine kurze Augenblick ist echt, da der Tote sein Schlafzimmer
verläßt, getragen von vier fremden Männern. Da sagt man nämlich wirklich
Adieu und heult auf, und winselt und spürt es daß eigentlich alles, alles auf der
Welt nicht dafürsteht — — —.