Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 62 von 152

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Semmering 1912

Echt

 

Ich bin sehr skeptisch in bezug auf Empfindungen. Festliche Stimmung bei

Geburtstagsjausen, bedenkliche Gesichter bei schweren Krankheitsfällen können

mir noch lange nicht imponieren. Ich kenne diese „Rolle“ wohlerzogener Leute.

Darüber mehr zu sagen, wäre eine Banalität, obzwar auch dieses wenige schon

eine beträchtliche ist. Aber eine Empfindung gibt es, die nicht unecht ist, das ist

das klägliche Aufheulen, ähnlich wie Hunde beim Klavierspielen, der

allernächsten Angehörigen, in dem Augenblicke, da der Sarg aus dem

Schlafzimmer hinausgetragen wird. Da gibt es kein Schluchzen, kein adieu, kein

Lebewohl, kein oh und kein ach. Da gibt es nur ein klägliches erschreckendes

Aufheulen, ein Winseln, wie wenn man den liebevollen Hund aussperrt, ihm die

Türe vor der Nase zuschlägt. Freilich „derfangt“ man sich sogleich wieder, von

den „nicht allernächsten“ Verwandten liebevoll gestützt, und wankt zu Hut,

Handschuhen und Schirm. Der Leichenwagen wartet nämlich.

Aber dieser eine kurze Augenblick ist echt, da der Tote sein Schlafzimmer

verläßt, getragen von vier fremden Männern. Da sagt man nämlich wirklich

Adieu und heult auf, und winselt und spürt es daß eigentlich alles, alles auf der

Welt nicht dafürsteht — — —.