Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 35 von 152

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Semmering 1912

Bobby

 

Ich habe sowieso nichts mehr zu verlieren, nichts mehr zu gewinnen, ich

stehe vor der „großen Abrechnung“ meines Lebens. Jetzt erkläre ich, daß ich die

weiße, hellbraungefleckte echtrassige Foxterrierhündin Bobby, mit ihren acht

rosigen Brust- und Bauchwarzen (selbst die edelsten Damen haben nur deren

zwei), für schöner, graziöser, liebenswürdiger, herzlicher, menschenfreundlicher

halte als die meisten Frauen. Sie erregt nie in mir Eifersuchtsqualen und

Verzweiflung, hat eine unbeschreibliche Freude, wenn ich nett zu ihr bin, sagt

nie bei einer solchen feinfühligen Gelegenheit: „Zahl’ lieber an Kaviar und laß

die billigen Faxen — — —.“ Denn erstens frißt sie Gott sei Dank gar nicht

Kaviar, und zweitens „fliegt sie“ grad auf meine „billigen Faxen“, d. h. meine

seelische Verehrung, Anerkennung und Liebe!

Ich ziehe also Bobby allen Frauen vor, freilich sage ich das erst öffentlich

am Ende meiner sogenannten „Liebeslaufbahn“, mit einem Wort: nach meiner

Schlacht von Sedan. Bobby hat um mich geweint, gewinselt, sich gekränkt, den

Appetit verloren. Die übrigen Weibchen hatten gerade in meiner Gesellschaft

stets einen riesigen Appetit, während ich kaum die Absicht hatte, ihnen ein

„Kalbsgulasch“ zu bezahlen. Und dann, Bobby hat noch einen großen Vorteil,

sie gehört nämlich gar nicht einmal mir, sondern einer reizenden bekannten

Dame, der die Fürsorge für sie obliegt. Ich selbst schmeichle mich nur bei Bobby

ein, um ihre zärtliche Freundschaft zu genießen. Ich will keine Spesen haben,

und „äußerln“ führe ich auch nicht. Frauen haben immer irgendwelche

Bedürfnisse! Aber ich bin nicht in der Lage, sie zu befriedigen — — —. Das

nimmt zu viel Kräfte weg und Zeit! Liebe ohne alle Spesen ist meine letzte

Erkenntnis auf Erden.