Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 133 von 152

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Semmering 1912

Natur

 

Naturempfinden ist wie die Mutterliebe eine ewige rastlose Emotion. Man

kann nicht sagen: Hier ist es schön! Man muß erfüllt sein, krank, von allem

anderen losgelöst, begeistert, gerührt, dankbar und erstaunt! Man muß sich

sagen: Wie komme ich dazu, das zu erleben, zu erschauen?! Es muß ein

„Nervenrausch“ sein, sonst ist es nichts, nichts! Es darf keinerlei Zweck haben

für die werte Gesundheit, es muß von selbst wirken und beglücken, wie das

Antlitz der jungen Mutter, die sich über die Wiege des soeben erwachten

Kindchens beugt. Ein Glücksschimmer ist da über seinem Antlitz, weshalb, das

weiß niemand. So muß die Natur wirken! Sie ist kein hygienisches Heilmittel,

pfui, sie ist ein Mysterium. Nimm gewisse Vögel aus dem Wald, und sie sterben

vor Gram. Gib sie zurück, und sie zwitschern Dankgebete. So ist das

Naturempfinden. Eine heiße, süße, zehrende Leidenschaft der Seele! Sport und

Hygiene sind Börsenmanöver, die die modernen Menschen mit dieser Kirche

„Natur“ effektuieren!