Semmering 1912
Natur
Naturempfinden ist wie die Mutterliebe eine ewige rastlose Emotion. Man
kann nicht sagen: Hier ist es schön! Man muß erfüllt sein, krank, von allem
anderen losgelöst, begeistert, gerührt, dankbar und erstaunt! Man muß sich
sagen: Wie komme ich dazu, das zu erleben, zu erschauen?! Es muß ein
„Nervenrausch“ sein, sonst ist es nichts, nichts! Es darf keinerlei Zweck haben
für die werte Gesundheit, es muß von selbst wirken und beglücken, wie das
Antlitz der jungen Mutter, die sich über die Wiege des soeben erwachten
Kindchens beugt. Ein Glücksschimmer ist da über seinem Antlitz, weshalb, das
weiß niemand. So muß die Natur wirken! Sie ist kein hygienisches Heilmittel,
pfui, sie ist ein Mysterium. Nimm gewisse Vögel aus dem Wald, und sie sterben
vor Gram. Gib sie zurück, und sie zwitschern Dankgebete. So ist das
Naturempfinden. Eine heiße, süße, zehrende Leidenschaft der Seele! Sport und
Hygiene sind Börsenmanöver, die die modernen Menschen mit dieser Kirche
„Natur“ effektuieren!