Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 98 von 152

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Semmering 1912

Werte

 

Ich finde, daß die Dichter so „ästhetisch-sentimentale“ und übertrieben

eingebildete, und von ihrer sogenannten Aufgabe, rekte „idée fixe“, besessene

„Erzieher der Menschheit“ sind, die doch bis heute durch sie nicht um ein

Stückchen vorwärtsgekommen, das heißt, von irgendeinem Leid befreit worden

ist! Die wirklichen großen Wohltaten jedoch übersieht man, hält sie für nichts

und ist vor allem nicht dankbar. Als mein geliebter Vater 69 Jahre alt geworden

war, gaben ihn sämtliche Professoren infolge von unheilbaren

Alterserscheinungen für verloren, und meine Mama, die seit zehn Jahren tot ist,

weinte sich die Augen aus. Da sandte ich meinem Vater zwei Schachteln „Tamar

Indien Grillon“, mit der Aufforderung, jeden Morgen vor dem Frühstück

unbedingt eine Pastille zu nehmen.

Seitdem ist er ein Jüngling geworden, ist 83 Jahre alt, hat nicht eine einzige

Beschwerde des Alters. Verdauung jünglingshaft, ewiger Appetit, rosige Laune,

Schlaf zehn Stunden ohne Unterbrechung. Er fühlt nicht, daß er alt ist. Sein

einziger Kummer ist, daß er nicht mittags und abends, aus ökonomischen

Gründen, besondere Leckerbissen haben kann, wie Rebhühner, Rehrücken kalt,

kalte Poularden, Straßburger Gänseleberpastete, Kaviar, Krebse usw. usw. Er

liest von morgens bis abends französische Romane (deutsche versteht er nicht,

sie sind ihm zu „vertrackt“), ohne Augenglas, geht nie aus seinem Zimmer, und

bedarf absolut keiner Bewegung. Schmerzen, Melancholie, Schwächegefühle

und Langeweile kennt er nicht. Jetzt schrieb er mir kurz: „Du, ich nehme noch

immer pünktlich Dein berühmtes „Tamar“. Es ist besser als Deine Dichtungen;

die sind für mich ganz unverdaulich. Du hättest doch vielleicht Mediziner

werden sollen!“