Semmering 1912
Werte
Ich finde, daß die Dichter so „ästhetisch-sentimentale“ und übertrieben
eingebildete, und von ihrer sogenannten Aufgabe, rekte „idée fixe“, besessene
„Erzieher der Menschheit“ sind, die doch bis heute durch sie nicht um ein
Stückchen vorwärtsgekommen, das heißt, von irgendeinem Leid befreit worden
ist! Die wirklichen großen Wohltaten jedoch übersieht man, hält sie für nichts
und ist vor allem nicht dankbar. Als mein geliebter Vater 69 Jahre alt geworden
war, gaben ihn sämtliche Professoren infolge von unheilbaren
Alterserscheinungen für verloren, und meine Mama, die seit zehn Jahren tot ist,
weinte sich die Augen aus. Da sandte ich meinem Vater zwei Schachteln „Tamar
Indien Grillon“, mit der Aufforderung, jeden Morgen vor dem Frühstück
unbedingt eine Pastille zu nehmen.
Seitdem ist er ein Jüngling geworden, ist 83 Jahre alt, hat nicht eine einzige
Beschwerde des Alters. Verdauung jünglingshaft, ewiger Appetit, rosige Laune,
Schlaf zehn Stunden ohne Unterbrechung. Er fühlt nicht, daß er alt ist. Sein
einziger Kummer ist, daß er nicht mittags und abends, aus ökonomischen
Gründen, besondere Leckerbissen haben kann, wie Rebhühner, Rehrücken kalt,
kalte Poularden, Straßburger Gänseleberpastete, Kaviar, Krebse usw. usw. Er
liest von morgens bis abends französische Romane (deutsche versteht er nicht,
sie sind ihm zu „vertrackt“), ohne Augenglas, geht nie aus seinem Zimmer, und
bedarf absolut keiner Bewegung. Schmerzen, Melancholie, Schwächegefühle
und Langeweile kennt er nicht. Jetzt schrieb er mir kurz: „Du, ich nehme noch
immer pünktlich Dein berühmtes „Tamar“. Es ist besser als Deine Dichtungen;
die sind für mich ganz unverdaulich. Du hättest doch vielleicht Mediziner
werden sollen!“