Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 129 von 152

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Semmering 1912

Ein Regentag

 

Es regnet. 9. Juli 1912, nachmittag 5 Uhr. Ganz dichte graue Schleier

ziehen über den Bergwald vor meinen Fenstern. Alles trieft, ist untergetaucht in

Nebel. Die Blumen haben ihre Farbe verloren, die Blechdächer glänzen, sind

von Staub gereinigt, naß-poliert. Die Schaukel, die Schaukel. Vormittags

schaukelte noch die sonnigste Frau, die blondgelichtete, die musiksprechende, in

der Sonne! Ich sah sie schweben und weinte. Mir ist nichts anderes gegeben als

zu weinen. Ich kann keine Lieder komponieren zum Preise, wie Brahms, Hugo

Wolf, Grieg. Ich kann nur eine Melodie — — — weinen. Klara, Klara. Es

regnet. Graue Schleier ziehen über den Bergwald vor meinem Fenster. Es duftet

nach nassem Wald natürlich. Alles ist wie ertränkt. Klara, Klara, du sitzest in

deinem Zimmer, lernst wichtige Dinge, fürs nächste Jahr, für die Prüfung, für

das Leben. Deine blonden Lockenwolken streifen das weiße Papier, auf dem du

schreibst — — —. Du sagst: „An einem solchen faden Nachmittag ist’s noch am

besten zu lernen — — —!“