Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 30 von 152

PDF-Seiten

Semmering 1912

Besuch

 

Mein Freund, der Doctor philosophiae aus Heidelberg, schrieb mir, er sei in

tief deprimierter Stimmung, wolle in den „Frieden der Berge flüchten“, höchst

moderne Ausdrucksweise, und vor allem beim Dichter eine Art von „seelisch-

geistigem“ Reinigungsbad nehmen. Als er ankam, begann ich daher von Rax

und Schneeberg, Pinkenkogel und Sonnwendstein zu schwärmen. Er erwiderte:

„Lasse gefälligst diese Marlittiaden einer überwundenen Epoche und zeige mir

lieber eine Dame, mit der man stundenlang über Ibsen, Hofmannsthal, Stephan

George und ähnliche Geschöpfe seine endgültigen Ansichten los werden kann.“

Er war glücklich, als ich ihm mitteilte, daß ich zufälligerweise gerade jetzt drei

solcher Damen auf Lager habe, leider aber eine jede in einem anderen Berghotel.

Er meinte, er wolle gern den Wagen bezahlen, und wir sollten von einer zur

anderen fahren. Auf dem Wege könne man ohne weitere Schwierigkeiten die

Schönheit, den Frieden der Bergwelt, aber ohne Exaltationen über jeden

einzelnen Baum, sondern in Bausch und Bogen genießen. Dieser annehmbare

Plan wurde zu allgemeiner Zufriedenheit ausgeführt. Eine vierte Dame, die sich

anschloß, konnte wegen Zeitmangels nicht ins Gespräch gezogen werden über

die Philosophie in der Musik des Debussy. Der Doktor sagte zu mir: „Ist es also

wirklich wahr, daß man nur bis 11 Uhr abends hier Getränke bekommt?!“ —

„Nein,“ erwiderte ich, „das ist eine Verleumdung, man erhält bis Mitternacht

Limonade und Soda-Himbeer!“ — „Esel,“ sagte er, „ich meine schweren

Burgunder!“ Er schlug nun vor, schon um 7 Uhr abends anzufangen, damit man

bis zur Schank-Sperrstunde das Nötige absolviert haben könne. Ich erklärte ihm,

daß ich seit anderthalb Jahren Antialkoholiker sei und daher vor halb 8 Uhr

abends nicht anfangen könne! Er sagte, er sei einverstanden, da er mich von

meinen schwer errungenen Grundsätzen nicht abbringen wolle. Im Laufe des

Abends gesellten sich einige Herren zu uns, die er in liebenswürdigster Weise

anstänkerte, indem er sie fragte, ob sie sich ernstlich von der Bergluft und der

Enthaltsamkeit eine Heilung ihrer anscheinend doch unheilbaren Leiden

erwarteten?!? Bald waren wir allein, und später erklomm er mit meiner

Bergführerhilfe die Treppe. Er sagte noch: Rax, Schnee—berg, Sonn—wend—

stein, Pin—ken—ko—gel ..., dann verschwand er hinter der gepolsterten Tür.