Semmering 1912
Dolomiten
Ich hatte mein ganzes Leben lang von den Dolomiten gehört, einem
„Märchen der Natur“. Nun kam ich, per Auto, halb 8 Uhr abends, 11. August, in
Toblach an. Eine riesige ungepflegte, ja verwahrloste Bergwiese, die ein
feenhafter Berggarten leicht hätte sein können. Ich ging ein paar Schritte die
Fahrstraße entlang, die ins Gebirge, Monte Cristallo, führt. Ich sah in die weiße
Waldstraße hinein, und war ganz ergriffen. Jahrelang im „Café Central“, Ecke
Herrengasse—Strauchgasse, und nun am Eingang in die „Dolomiten“! Ich sah
Wälder im Abendschatten und in der Ferne einen leuchtenden riesigen Felsen.
Ich kehrte zurück und dachte mir die riesige schrecklich ungepflegte Bergwiese
vor dem Riesenhotel, bewachsen mit Zirbelkiefer, Rhododendron, Speik, so ein
botanischer Berggarten, mit Murmeltieren und Schneehasen. Aber Toblach
begnügt sich, ein „Eingang“ zu sein, und selbst die Geschäftsläden erinnern an
„Praterbuden“. Nur irgendwo sah ich in einer Ansichtskartenbude eine 14jährige
Verkäuferin. Ich blickte sie an: „Du, du allein paßt in diesen Dolomiten-
Märchen-Eingang!“ Da ich den schönen grauen Gems-Kaiser-Lodenhut auf hatte
und sehr gebräunt war, blickte sie mich freudig-erstaunt an. Ich wollte etwas
sagen, das heißt, ich wollte eben gar nichts sagen, aber als die
Ansichtskartengeschäfte abgewickelt waren, blickte ich sie noch immer gerührt
an. Sie sagte auch nichts, aber sie spürte ihre Wirkung auf mich. Es war nicht
sehr lange, und doch vielleicht oder wahrscheinlich eine besondere Welt, die nie
nie mehr wiedererstehen wird. Es ging nicht an, sie länger anzublicken. Und
infolgedessen ging ich. Ich lüftete nicht den Hut, damit sie nicht sehe, daß ich
kahlköpfig sei; denn ich mußte auf ihre Träumereien Rücksicht nehmen, daß ein
verhältnismäßig apart aussehender Herr sie beim Ansichtskartenverkaufe
liebevollst angeblickt hatte — — —. So wie wenn er ihr Glück wünschte zu
ihrem künftigen Schicksale und sie getreulich segnete mit seinen Augen. Sie hat
gewiß niemand davon erzählt, was gäb’ es auch darüber zu erzählen?! Und doch
blieb es in ihr. Und doch wird sie, unmittelbar vor einem ersten Kuß der
Jugendsinne fühlen: „Nein! Ich sehe nicht auf Deinem Antlitz, Mann, den Zug
von Rührung, den der fremde Herr mit dem grauen Gemsjagd-Kaiser-Lodenhute
damals hatte — — —.“ Am nächsten Morgen ging es nach Cortina. Rotgraue Bergwelt, sei bedankt, gesegnet! Es türmt sich auf, lichtgrau und rosig, es wächst
ins Himmelblau hinein und überall ist Friede — — —.