Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 15 von 152

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Semmering 1912

Dolomiten

 

Ich hatte mein ganzes Leben lang von den Dolomiten gehört, einem

„Märchen der Natur“. Nun kam ich, per Auto, halb 8 Uhr abends, 11. August, in

Toblach an. Eine riesige ungepflegte, ja verwahrloste Bergwiese, die ein

feenhafter Berggarten leicht hätte sein können. Ich ging ein paar Schritte die

Fahrstraße entlang, die ins Gebirge, Monte Cristallo, führt. Ich sah in die weiße

Waldstraße hinein, und war ganz ergriffen. Jahrelang im „Café Central“, Ecke

Herrengasse—Strauchgasse, und nun am Eingang in die „Dolomiten“! Ich sah

Wälder im Abendschatten und in der Ferne einen leuchtenden riesigen Felsen.

Ich kehrte zurück und dachte mir die riesige schrecklich ungepflegte Bergwiese

vor dem Riesenhotel, bewachsen mit Zirbelkiefer, Rhododendron, Speik, so ein

botanischer Berggarten, mit Murmeltieren und Schneehasen. Aber Toblach

begnügt sich, ein „Eingang“ zu sein, und selbst die Geschäftsläden erinnern an

„Praterbuden“. Nur irgendwo sah ich in einer Ansichtskartenbude eine 14jährige

Verkäuferin. Ich blickte sie an: „Du, du allein paßt in diesen Dolomiten-

Märchen-Eingang!“ Da ich den schönen grauen Gems-Kaiser-Lodenhut auf hatte

und sehr gebräunt war, blickte sie mich freudig-erstaunt an. Ich wollte etwas

sagen, das heißt, ich wollte eben gar nichts sagen, aber als die

Ansichtskartengeschäfte abgewickelt waren, blickte ich sie noch immer gerührt

an. Sie sagte auch nichts, aber sie spürte ihre Wirkung auf mich. Es war nicht

sehr lange, und doch vielleicht oder wahrscheinlich eine besondere Welt, die nie

nie mehr wiedererstehen wird. Es ging nicht an, sie länger anzublicken. Und

infolgedessen ging ich. Ich lüftete nicht den Hut, damit sie nicht sehe, daß ich

kahlköpfig sei; denn ich mußte auf ihre Träumereien Rücksicht nehmen, daß ein

verhältnismäßig apart aussehender Herr sie beim Ansichtskartenverkaufe

liebevollst angeblickt hatte — — —. So wie wenn er ihr Glück wünschte zu

ihrem künftigen Schicksale und sie getreulich segnete mit seinen Augen. Sie hat

gewiß niemand davon erzählt, was gäb’ es auch darüber zu erzählen?! Und doch

blieb es in ihr. Und doch wird sie, unmittelbar vor einem ersten Kuß der

Jugendsinne fühlen: „Nein! Ich sehe nicht auf Deinem Antlitz, Mann, den Zug

von Rührung, den der fremde Herr mit dem grauen Gemsjagd-Kaiser-Lodenhute

damals hatte — — —.“ Am nächsten Morgen ging es nach Cortina. Rotgraue Bergwelt, sei bedankt, gesegnet! Es türmt sich auf, lichtgrau und rosig, es wächst

ins Himmelblau hinein und überall ist Friede — — —.