Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 28 von 152

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Semmering 1912

Fortschritt

 

Es gibt Leute, die heutzutage nicht mehr auf den Boden eines Kaffeehauses

spucken können, und solche die es noch ganz gut können. Diese Zweiteilung ist

ein Zeichen eines wenn auch geringen allgemeinen Fortschrittes. Es gibt Leute,

die selbst bei einer automatisch von selbst schließenden Tür ängstlich hinter sich

blicken, ob die Maschinerie auch wirklich funktioniere. Das sind bereits

„Gentlemen der Entwicklung“. Beim „Sport“ darf man keiner Dame helfen,

irgendwie behilflich sein in einer schwierigen Situation. Dadurch gewöhnt man

sich allmählich auch das sklavische „Pakettragen“ oder „Schirmaufheben“ oder

„Zigarettenanzünden“ ab. Wieder ein kleiner Fortschritt! Jetzt fehlt noch der

hohe englische Fußschemel beim Friseur, und die Ventilatoren in jeder

Fensterscheibe, wobei niemand rufen darf: „Es zieht!“ Preise an Schriftsteller-

Millionäre zu vergeben, ist noch rückschrittlich. Mit Geld kann man nur

Künstler ehren, die keines haben! Turbot samt seiner dunklen schuppigen Haut

essen und noch dabei behaupten, das gebe dem edlen Fische erst den

Geschmack, ist eine mittelalterliche Zurückgebliebenheit, die man eventuell

einem eisengepanzerten Recken oder Drachentöter nachsehen könnte! Eine

übertrieben deutliche Schrift haben, ist einer der wenigen zu begrüßenden

Snobismen. Man schreibt für den, der es lesen soll! Eine Frau in der Weise

bewundern, daß es dem zugute kommt, dem sie angehört, und nicht dem, der sie

bewundert, ist „höchste Kultur“! Mehr als zweimal im Tag mitteilen, man habe

im rechten Knie beim Drücken einen Schmerz, ist nicht „fortschrittlich“. „Tamar

Indien Grillon“ anpreisen, ist höchste Kultur. Aber auch hierin gibt es zarte

Grenzen. Ich hörte einmal an einem herrlichen Herbstmorgen einen jungen

Griechen eine junge Serbin fragen: „Oh bonjour, mademoiselle, combien de

pilules „Purgén“ est-ce-qu’on ose prendre à la fois?!“ „36“ erwiderte die junge

Dame schlagfertig, worauf man den Griechen acht Tage lang nicht mehr

erblickte. Leute ins Gespräch ziehen, um ihnen Ansichten herauszulocken, zum

Zwecke, sie ihnen widerlegen zu wollen, ist unkultivirt. Um „Proselyten“ zu

machen, gehört mindestens die Entschuldigung eines „heiligen Fanatismus“.

Zwischen Tee und „kleiner Bäckerei“ hat solches nicht stattzufinden! „Anonyme

Briefe“ sind eine Gemeinheit. „Nicht anonyme Briefe“ sind eine noch größere Gemeinheit. Man hat zu schreiben: „Ich verehre Sie!“ Im allgemeinen aber zeigt

sich doch in der „vie quotidienne“ ein beträchtlicher Fortschritt. „In der Nase

bohren“ findet man sogar bei Kindern verhältnismäßig nur mehr selten, obzwar

es noch vor 20 Jahren zu den sogenannten „billigen Freuden des Daseins“

gehörte! Häufiger kommt es vor, daß Liebesleute vor Fremden sich gegenseitig

zu blamieren, zu desavouieren suchen, kurz den Anschein eines

Täubchenverhältnisses zu bewahren, für Augenblicke außer acht lassen. Den

„Dritten“ dabei als Richter anzurufen, ist aber eine der allergrößten Infamien,

besonders falls er auf die Frau ein oder mehrere Augen bereits geworfen hat. Es

gibt also noch immer eine Anzahl von verbesserungsbedürftigen Dingen

— — —!