Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 95 von 152

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Semmering 1912

Plauderei

 

Es kommt der Augenblick träge herangeschlichen, da man nichts mehr wird

schreiben können. Man hatte doch etwas zu sagen, was dem anderen nützte. Und

wäre es nur: „Schlafet bei weit geöffneten Fenstern!“ Man hatte unbedingt eine

Mission, eine winzige, eine nichtige Mission, aber eine Mission! Das hält einen

in Zusammenhang mit allen Menschen, die man nicht kennt. Den Bekannten

gegenüber hat man ja keine Mission. Für die ist man ein Narr oder ein

Schwindler. Manche sagen sogar: „Nein, diese Ehre tun wir ihm ja doch nicht

an!“ Wofür also halten sie uns?! Ich könnte meine Sachen widerrufen, aber

Tausende würden sie als Wahrheiten in sich aufnehmen. Ich könnte es

verkünden: „Nein, die Frauenseele ist doch nicht so, wie ich sie sehe!“ Aber

Tausende würden jammern: „O, bitte, wir sind doch so!“ Mein Talent war klein,

aber mein Fühlen war groß. Die meisten haben kein Talent und kein Gefühl,

nämlich für allgemeine Dinge, obzwar sie im besonderen, in ihrem trauten

Nestchen, beträchtliche Gefühle aufbringen, die irgend jemandem mit Vor- und

Zunamen recht sehr zugute kommen. Jemand schwärmte mir immer und immer

von seinem Garten vor, schilderte ihn mit wirklicher Liebe und Begeisterung.

„Ja,“ sagte ich, „aber auf der Strecke so und so der Bahn so und so habe ich

einen noch viel schöneren Garten geseh’n.“ — „Und was haben S’ davon?!“ —

„Nichts“, erwiderte ich. Es gibt Menschen, die schöne Gärten lieben, und es gibt

solche, die ihre schönen Gärten lieben! Das ist der ganze Unterschied. Na, und

was haben s’ davon?! Nichts!