Semmering 1912
Plauderei
Es kommt der Augenblick träge herangeschlichen, da man nichts mehr wird
schreiben können. Man hatte doch etwas zu sagen, was dem anderen nützte. Und
wäre es nur: „Schlafet bei weit geöffneten Fenstern!“ Man hatte unbedingt eine
Mission, eine winzige, eine nichtige Mission, aber eine Mission! Das hält einen
in Zusammenhang mit allen Menschen, die man nicht kennt. Den Bekannten
gegenüber hat man ja keine Mission. Für die ist man ein Narr oder ein
Schwindler. Manche sagen sogar: „Nein, diese Ehre tun wir ihm ja doch nicht
an!“ Wofür also halten sie uns?! Ich könnte meine Sachen widerrufen, aber
Tausende würden sie als Wahrheiten in sich aufnehmen. Ich könnte es
verkünden: „Nein, die Frauenseele ist doch nicht so, wie ich sie sehe!“ Aber
Tausende würden jammern: „O, bitte, wir sind doch so!“ Mein Talent war klein,
aber mein Fühlen war groß. Die meisten haben kein Talent und kein Gefühl,
nämlich für allgemeine Dinge, obzwar sie im besonderen, in ihrem trauten
Nestchen, beträchtliche Gefühle aufbringen, die irgend jemandem mit Vor- und
Zunamen recht sehr zugute kommen. Jemand schwärmte mir immer und immer
von seinem Garten vor, schilderte ihn mit wirklicher Liebe und Begeisterung.
„Ja,“ sagte ich, „aber auf der Strecke so und so der Bahn so und so habe ich
einen noch viel schöneren Garten geseh’n.“ — „Und was haben S’ davon?!“ —
„Nichts“, erwiderte ich. Es gibt Menschen, die schöne Gärten lieben, und es gibt
solche, die ihre schönen Gärten lieben! Das ist der ganze Unterschied. Na, und
was haben s’ davon?! Nichts!