Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 18 von 152

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Semmering 1912

Semmering

 

Es wurde wieder Winter, November 1912. Überflüssig, die Berglandschaft

zu schildern. Das können Russen, Schweden, Dänen viel, viel besser. Sie kennen

das Gepräge jedes Baumes, und wie der Schnee sich ansetzt, je nachdem. Sie

kennen die Eintönigkeit und ihre Poesien, sie kennen die Melodie der Stille, und

der Krähen Mißton wird ein schaurig-melancholisches Leitmotiv: Winter! Ich

liebte den Sommer, weil ich gesund war, und seinen Symphonien von Farben,

Düften lauschen konnte, unbeirrt durch etwas, was mich drückt und

niederzwingt. Nun ist es Winter. Ich sehe alles nur so, wie wenn ein gütiges

Schicksal den Abschied mir nicht schwer machen wollte. Eine einzige

Begeisterung ist geblieben und ringt sich durch, wie wenn mein Bestes mir

erhalten bleiben sollte. Ich sah meine kleine Heilige im roten

Wintersportkostüm. Der Wintertag leuchtete auf ihrem geliebten Antlitz. Ich sah

sie rodeln, ich hörte ihr geliebtes jauchzendes Gekicher, sie flog davon, den

scharfen Kurven nach im weißen Fichtenwalde. Ich hatte sie gesehen! Ich ging

zurück ins Zimmer und versank in düsteres Sinnen ... Und es ward Winter 1912!