Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 16 von 152

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Semmering 1912

Mama

 

Meine Mama wollte „ein großes Haus“ führen, um ihre wunderschönen

Töchter reich zu verheiraten. Das nahm ich ihr übel. Denn, wenn es gelingt, ist

es wie ein Haupttreffer auf eine in der Tabaktrafik gekaufte Promesse. Ich bin

gegen das „Spiel“ im Leben. Man riskiert zu viel. Das ist es. Also, wie gesagt,

ich war sehr dagegen. Aber in meiner Kindheit hatte ich einen vollkommen

krankhaften Fanatismus für sie, und meine Liebe zu ihr war keine ruhig-

selbstverständliche eines guten anhänglichen Kindes, sondern zehrte an mir, wie

wenn ich ein unglücklich Liebender wäre, der an „inneren Zärtlichkeitsgefühlen“

zugrunde geht, während doch Mama mich sehr, sehr, sehr lieb hatte und meinen

„kindlichen begeisterten Blick“ zu würdigen verstand. Oft sagte sie: „Du

dummer Kerl, was willst du denn, ich hab’ dich ja so wie so riesig gern und

außerdem bin ich mit dir sehr zufrieden, der Hofmeister, die Gouvernante, der

Violinlehrer und Mr. Palotta, alle, alle loben und lieben dich — — —.“ Aber

meine Zärtlichkeit für Mama zehrte an mir. Vor ihr niederknien und den Saum

ihres Kleides mit den Lippen berühren, daran dachte ich nicht. Ich sah sie an und

war voll übertriebener Zärtlichkeit, als ob ich noch überhaupt bewußtlos in

ihrem Schoße läge, von ihren Kräften innerlichst behütet, genährt, gepflegt, so

vorzeitig herausgestellt in eine Welt, in die ich noch nicht hineingehörte! Mama!

Mama! Als ich mit zehn Jahren, gerade der Primus im Gymnasium, an einer

Fußbeinhautentzündung schwer erkrankte, hatte sie ein Jahr lang ihr Bett neben

dem meinen und nahm nächtelang meine Seufzer in ihr Herz auf. Nachmittags

sang sie im Nebenzimmer Schubertlieder. „Ihre Stimme klingt etwas ermüdet!“

sagte der liebevolle junge Gesangsmeister. „Mein Sohn hat heute Nacht wieder

sehr gestöhnt“ erwiderte sie. Eines Tages sagte Professor Dittel: „Es muß

geschnitten werden, der Fuß ist ganz in Eiterung.“ Da saß sie nachmittags an

meinem Bette und zupfte aus Leinwandfetzen Charpiewolle. „Was machst du da,

Mama?!“ — „Daß die Zeit vergeht“ erwiderte sie. Am nächsten Tage sagte

Professor Billroth: „Ich pflege in einem solchen Falle noch nicht zu schneiden,

es wird sich aufsaugen!“ Da kniete meine Mama vor meinem Bette nieder, aber

nur für einen Augenblick. Dann ging sie ins Nebenzimmer und spielte und sang

am Klavier die „Forelle“ von Schubert. Der Gesangsmeister sagte: „Heute klingt Ihre Stimme frischer, Sie dürften gestern eine ruhigere Nacht gehabt haben!“ —

„Nein,“ sagte sie, „aber ich werde sie heute nacht haben!“