Semmering 1912
Mama
Meine Mama wollte „ein großes Haus“ führen, um ihre wunderschönen
Töchter reich zu verheiraten. Das nahm ich ihr übel. Denn, wenn es gelingt, ist
es wie ein Haupttreffer auf eine in der Tabaktrafik gekaufte Promesse. Ich bin
gegen das „Spiel“ im Leben. Man riskiert zu viel. Das ist es. Also, wie gesagt,
ich war sehr dagegen. Aber in meiner Kindheit hatte ich einen vollkommen
krankhaften Fanatismus für sie, und meine Liebe zu ihr war keine ruhig-
selbstverständliche eines guten anhänglichen Kindes, sondern zehrte an mir, wie
wenn ich ein unglücklich Liebender wäre, der an „inneren Zärtlichkeitsgefühlen“
zugrunde geht, während doch Mama mich sehr, sehr, sehr lieb hatte und meinen
„kindlichen begeisterten Blick“ zu würdigen verstand. Oft sagte sie: „Du
dummer Kerl, was willst du denn, ich hab’ dich ja so wie so riesig gern und
außerdem bin ich mit dir sehr zufrieden, der Hofmeister, die Gouvernante, der
Violinlehrer und Mr. Palotta, alle, alle loben und lieben dich — — —.“ Aber
meine Zärtlichkeit für Mama zehrte an mir. Vor ihr niederknien und den Saum
ihres Kleides mit den Lippen berühren, daran dachte ich nicht. Ich sah sie an und
war voll übertriebener Zärtlichkeit, als ob ich noch überhaupt bewußtlos in
ihrem Schoße läge, von ihren Kräften innerlichst behütet, genährt, gepflegt, so
vorzeitig herausgestellt in eine Welt, in die ich noch nicht hineingehörte! Mama!
Mama! Als ich mit zehn Jahren, gerade der Primus im Gymnasium, an einer
Fußbeinhautentzündung schwer erkrankte, hatte sie ein Jahr lang ihr Bett neben
dem meinen und nahm nächtelang meine Seufzer in ihr Herz auf. Nachmittags
sang sie im Nebenzimmer Schubertlieder. „Ihre Stimme klingt etwas ermüdet!“
sagte der liebevolle junge Gesangsmeister. „Mein Sohn hat heute Nacht wieder
sehr gestöhnt“ erwiderte sie. Eines Tages sagte Professor Dittel: „Es muß
geschnitten werden, der Fuß ist ganz in Eiterung.“ Da saß sie nachmittags an
meinem Bette und zupfte aus Leinwandfetzen Charpiewolle. „Was machst du da,
Mama?!“ — „Daß die Zeit vergeht“ erwiderte sie. Am nächsten Tage sagte
Professor Billroth: „Ich pflege in einem solchen Falle noch nicht zu schneiden,
es wird sich aufsaugen!“ Da kniete meine Mama vor meinem Bette nieder, aber
nur für einen Augenblick. Dann ging sie ins Nebenzimmer und spielte und sang
am Klavier die „Forelle“ von Schubert. Der Gesangsmeister sagte: „Heute klingt Ihre Stimme frischer, Sie dürften gestern eine ruhigere Nacht gehabt haben!“ —
„Nein,“ sagte sie, „aber ich werde sie heute nacht haben!“